DIARY

Berlin, Tommyhaus – 10.09.2016

23.10.2016 von Philipp

Coole Kolonne mit versehrten Breaks

Natürlich ging es mir schon mal schlechter. Aber im Moment fällt mir nicht ein, wann das war. Es ist viel zu früh, auf meiner Stirn erscheinen sekündlich neue Schweißperlen, im Kopf dröhnt in fiesem Rhythmus ein Presslufthammer und mein Magen rumort. Ein erleichterndes Brechfest wäre jetzt was, kommt aber irgendwie nicht zustande. Ich schleppe mich unter die Dusche und versuche mich mit Heiß-Kalt-Wechselduschen fit fürs Frühstück zu machen. Klappt nur bedingt. Aber schließlich sitzen wir alle im herrlichen Garten der Uhlies und genießen das opulente Buffet, welches Bewohnerin Mo mit viel Liebe und Mühe angerichtet hat. Da muss der Magen sich beruhigen, denn dieses Mahl zu verschmähen, wäre schändlich unfreundlich. Obwohl die Uhr gnadenlos gen Nachmittag tickt, möchte Tobi dann noch gegen alle Vladis Tischtennis spielen – und verliert original gegen alle vier! So fahren wir immerhin mit vier gut gelaunten Menschen nach Berlin. Tschüss Uhlies, Danke für die Einladung – wir kommen gerne wieder!


Berlin

 

Beim Tommyhaus angekommen, begrüßen wir kurz Veranstalter Roy und die Crew, werfen unseren Kram ab und nutzen die bis zum Soundcheck verbleibende Zeit für ‘nen Bummel zum – haha, echt! – Brandenburger Tor. Eigentlich wären Sehenswürdigkeiten wie der Trinkteufel oder Coretex relevanter, aber wir haben keine zwei Stunden mehr. Tobi freut sich und kloppt sich ‘ne eklige Wurscht an den Neppständen im Zentrum des Touristenwahns rein. Bestaunt wird auch das Adlon und wir rätseln, an welchem Fenster wohl das Bild mit Michael Jackson und dem Kind entstanden sein möge.

 

Heute drehen wir die Reihenfolge ma um und sind daher als erste Band dran. Es kommen diverse Bekannte längs. Wir freuen uns u.a. über Dani (die hat sogar zu unserer Musik ein Bild gemalt, welches sie uns heute überreicht. Das Motiv sieht irgendwie aus wie eine fiese Qualle, was ja auch zu „Irukanji“ passt. Dit wird im Proberaum aufgehängt!), Jan (Ex-KURHAUS) vom TRUST, Metalmaniac Pete, eine anonyme Jugendliebe von Eric. Vorm Tommyhaus läuft entspanntes Streetboozing, dann legen wir los.


 

Berlin

 

 

Der zweite Tag ist irgendwie immer stärker als der davor. Obwohl wir bis auf die Zölcks kaum geschlafen haben, sind wir durchs Adrenalin voll am Start. Der Sound ist sowohl auf als auch vor der Bühne klasse, Kompliment an den Mischer, ein geil entspannter Hippietyp, der barfuß im Punkerladen rumläuft. Ich erwische Andi endlich mal wieder ein paar Mal mit dem Mikro am Hinterkopp – nicht, dass der Halunke sich noch irgendwann zu sicher auf der Bühne fühlt. Jederzeit kann es „thonk“ machen! Auch ansonsten läuft alles rund. Oder wie ein Freak danach formuliert: „Ihr seid echt ‘ne coole Kolonne! Ich stehe voll auf eure behinderten Breaks!“ (Wir weisen ihn natürlich darauf hin, dass das „versehrt“ und nicht „behindert“ heißt. Bisschen Sensibilität bitte!)

 

 

Stumbling Pins

 

 

Werden die STUMBLING PINS mit jedem Auftritt besser? Ich fürchte ja. Wohin soll das führen? Schon jetzt sprechen viele von Kiels bester Band. (Zum Glück sind wir ja Rendsburger.) Legitim, denn wer schreibt schon so verführerische Melodien und koppelt die mit derart guten Texten? Und besitzt so eine Bühnenpräsenz? PUNK, du Arsch. Auch die PINS haben einige Bekannte in der Hauptstadt, sodass ein entspanntes Tänzchen im Tommyhaus geht.


Tommyhaus

 

Herrlicher Abend. Für die Aftershowparty gilt der Klassiker: Heute fällt aus wegen gestern.

 

Danke an Roy & die Tommyhauscrew! Und an unsere Uhlies. We’ll be back!

Potsdam, U-24 – 09.09.2016

22.10.2016 von Philipp

In den Katakomben der Uhlies

In der Regel ist es am besten, ein Konzert mit langem Vorlauf zu planen. Entspannt Werbung machen und so… Manchmal vergeht aber auch so viel Zeit, dass die ursprüngliche Planung von der Realität überholt wird. So isses an diesem Wochenende: Eigentlich wollen wir schön mit drei Bands in Potsdam und Berlin zocken, neben STUMBLING PINS und uns Vladis auch unsere Froind*innen von RICH KIDS DRESS UP. Doch letztere müssen aufgrund von Krankheit beide Konzerte absagen. Gute Besserung! Dann ist der Mensch, der uns ins herrliche Wohnprojekt U-24 eingeladen hat, selbst gar nicht da, weil er einen mehrmonatigen Auslandsaufenthalt am Wickel hat. Und in Berlin ist aufgrund einer Kommunikationspanne gar keine Werbung erfolgt, obwohl der betreffende Flyer fast ein Jahr vorher fertig war – es hat den nur keiner dem Veranstalter geschickt… Gerade jetzt steht uns natürlich das Streckermobil nicht zur Verfügung und wir leihen uns den ROCK-TO-BUS aus Flensburg.

 

U-24

 

 

Das steht natürlich einem vladiistischen Wochenende nullinger im Wege. Bei den Uhlies spielen wir eh für die Bewohner*innen (und für das leckere Frühstück). Das Ding ist so schnuckelig, klein und gemütlich, dass mehr als zehn Menschen außer den Bands dort eh nur stören würden.

 

Trotzdem muss der Sound natürlich stimmen und so widmen wir uns nach dem exquisiten Essen einer ausgedehnten Klangcheckung. Die Gesangsanlage fiepst und windet sich, muss sich aber schließlich fügen. Die STUMBLING PINS bitten zum Tanz!

 

Ich bin der erste Käufer ihres pressfrischen Albums „Common Angst“, welches die PINS illegalerweise an diesem Wochenende noch vor dem offiziellen Release dabeihaben. JoyBoy hat das Ding bei Dremu als eine der Platten des Jahres und als seinen „persönlichen Olymp der besten Kiel-basierten Platten“ bezeichnet. Recht hat er! Live sind die neuen Songs ein unfassbarer Quantensprung zum bisherigen Material der Band, was sich u.a. in den Hooks von „Ode To Joy“, „Gentrifucks“ oder „Empty Pockets“ manifestiert. Willers Stimme droht zunächst etwas unterzugehen, aber Zarc schraubt immer wieder an den Knöppen, sodass sie sich schließlich ausreichend durchsetzt. „Shiver Alone“ besitzt ein unwiderstehliches Riff und „Off The Beaten Track“ eine melancholische Stimmung, von der ich nicht genug bekommen kann.


 

U-24

 

 

Wir sind bereits zum dritten Mal bei den Uhlies zu Gast und genießen auch diesen Auftritt. Der Zockraum hat immer noch dieses Flair aus zerrockter Punkkneipe und Baustelle. Ich bin überrascht, wie gut ich mich höre und so kann ausgelassen losgemetert werden. Da wir uns danach fühlen, gibt es heute unser Rock-in-Rio-Set, also die ausgedehnte Version inklusive Mitsingteilen, Garderobenwechsel (mehrfach), Drumsolo und Zugabenblock. Na gut, das mit der Soloeinlage ist gelogen.

 

Da heute in der Nähe eine Neunziger-Jahre-Party stattfindet, verschwinden fast alle Anwesenden, also echt die Besucher*innen, die Veranstalter*innen und sogar die PINS – zunächst bleiben nur wir und ein Tresengenosse. Letzterer geht dann auch. Somit werden Andi, Tobi und ich mit Unmengen von Bier, Schnaps UND einer Anlage alleingelassen, von der aus Andi auf seine Cloud mit ca. zehn Millionen Songs zugreifen kann. Au weia. Irgendwann  nachts stehen die PINS wieder im Raum und fragen uns fassungslos, was zur Hölle wir hier veranstaltet haben. Als ich das erste Mal aus dem komplett dunklen Raum stolpere, bin ich doch überrascht, dass mir grelles Tageslicht entgegenballert. Na dann mal gute Nacht, schließlich war Tobi noch nie (!) in Berlin und will noch das volle Touriprogramm. Ob uns das gelingen wird? TBC…

Rendsburg, Kulturfabrik auf dem Rendsburger Herbst - 27.08.2016

05.09.2016 von Philipp

FCK AFD!

Kurios. Paradox! Da spielt mensch an einem warmen Sommertag auf einer Veranstaltung, die sich Rendsburger Herbst nennt. Noch seltsamer scheint auf den ersten Blick das Oxymoron Punkbands auffem Volksfest. Denn der Rendsburger Herbst ist so eine Mischung aus Rummel, Mutantenstadl und Bierzeltfummlertreffen. „Das ist kleiner als die Kieler Woche, aber asozialer und die Leute saufen mehr. Rendsburg halt.“, erklärt Bocky. Aber die Sache relativiert sich, wenn mensch erfährt, dass die Crew der T-Stube eine alternative Bühne im Stadtpark organisiert hat, die Kulturfabrik. Da spielen wir dann doch gerne.

 

 

VRHN

 

 

Ohne Stresspotenzial ist die ganze Sache natürlich nicht. Letztes Jahr hat wohl am Rande des Stadtparks eine Gruppe Nazihools rumgelungert, wahrscheinlich um Besucher_innen der Kulturfabrik abzufangen. Eine größere Gruppe wird heute nicht gesichtet, aber vereinzelt T-Shirts von Thor Steinar, Frei.Wild etc.

 

Zunächst genießen wir die leckeren veganen Burger, die direkt am Grill vor der T-Stube klargemacht werden. Gerade spielt eine polnische Ska/Raggae-Band. Noch ist das Publikum derart bunt gemischt (Kinder tanzen vor der Bühne und es gibt viele Leute, die sicherlich noch nie in ihrem Leben auf einem Punkkonzert waren), dass ich mich frage, wie das wohl werden wird, wenn wir spielen.



VRHN

 

Aber bei RICH KIDS DRESS UP wandelt sich das Bild so langsam. Es erscheinen immer mehr übliche T-Stuben-Gänger*innen. Die RICH KIDS haben heute wat Melancholisches an sich. Denn leider ist es der letzte Auftritt mit Julian, der die Band aus privaten Gründen verlässt. Sehr schade, denn so gut wie heute waren sie noch nie. Herrliche Bassläufe von Julian, grandioses Gesinge von Svea, abwechslungsreiches Gitarrengezocke von Ulf und tief hängender Schlüpper von Tim. Erst im Nachhinein wird mir von einer Entwicklung mitten im Publikum erzählt: Ein Typ kommt mit Svea nicht klar, guckt entsetzt zur Bühne, murmelt erst „widerlich“ und brüllt dann „Schwuchtel!“ Was zur Hölle? Offenbar hat dieser Hinterwäldler ein derart retardiertes Frauenbild, dass er Svea mit ihren Plugs und teilrasiertem Schädel nicht als Frau wahrnimmt, sondern wohl denkt, es singe ein Typ in blauem Rock. Was ja für einen halbwegs weltoffenen Menschen nu auch nix Erwähnenswertes wäre.... Vollidiot halt, der nach entsprechender Ansage einer Freundin von Svea maulend abzieht – nicht ohne vorher noch mal zur Bühne zu rennen und der Sängerin den Stinkefinger zu zeigen. Svea hat natürlich gar nichts mitbekommen, hält die Geste für eine Beifallsbekundung und winkt lächelnd zurück. Beste Reaktion auf Hater, hihi!

 

Schnell noch Vaddern Zölck Ohrstöpsel geliehen (ich verschweige, dass die Dinger benutzt sind) und ab! Doch was ist das vor der Bühne? Ein richtiger Vladi-Mob aus Schüttelrüben und Punkern. Oder sollte man besser TOBI-Mob sagen? Denn dessen Name wird die ganze Zeit skandiert… TOBI! TOOOBIII! Warum nicht? Er spielt ja auch gut. Heute gibt es zwei Neuerungen bei uns: Zarc hat sich so’n Dingsie gekauft, mit welchem er Samples über die PA jagen kann und so ertönen an zwei, drei Stellen die Samples, die wir auch auf den Platten haben („Death For Profit“, „My First Rifle“, „Roadkill BBQ“). Und wir haben mit Tobi einen weiteren Song von der roten Platte einstudiert, nämlich „Divorce Divine“. Gern verbreiten wir die Ankündigung eines antifaschistischen Aktionstages gegen den Landesparteitag der AfD. Geilerweise reagiert der Mob mit „Ganz Rendsburg hasst die AfD!“-Chören! Ich zitiere mal einen Kollegen von PHANTOM WINTER, denn besser kann ich dat auch nicht sagen: „Ich fänds übrigens mal gut, wenn mehr Bands zu so ner AFD Kacke Stellung beziehen würden. Das ändert zwar nichts, man nimmt aber dadurch den Nazis immer mehr Bands, die sie hören können.“ Right on!

 

  VRHN

 

 

Insgesamt würde ich die Aktion als klaren Erfolg für die T-Stuben- bzw. Kulturbühnen-Orga sehen. Klar sind auch ein paar komische Gestalten angetanzt, aber so wurde mal etwas Gegenkultur gezeigt. Und außerdem hat es verdammt viel Spaß gemacht! Danke für die Einladung.  


 

VRHN

 


Braunschweig, Nexus - 11.06.2016

23.08.2016 von Philipp

Tick tick tick bääääääääääääääääääääääääääääääääämmm!

Noch begeistert vom doppelten Vlad auffem Wilwarin düsen wir gen Braunschweig, wo wir heute von MORIBUND-SCUM-Felix zur feinen HELL OVER BRAUNSCHWEIG-Festivität eingeladen sind. Ab in die Hölle Braunschweigs!

 

 

VRHN

 

 

Beim Nexus angetroffen erwarten uns Dinge: kühle Getränke! Bereits aufgebaute Plattenstände! Geliebte Menschen! Überraschungen! Gebratene Tauben, die einem von selbst ins Maul fliegen! Igitt, nee, das letzte nu doch nicht, das will ja auch keiner.

 

Eine Überraschung isses zum Beispiel, dass Tati nicht nur anwesend ist, sondern sogar mit einer neuen Band zockt. NEUROTIC EXISTENCE heißen die und Tati spielt da Gitarre und singt im Wechsel mit einem Schreihals namens Merleo. Wie schön! Denn aufgrund von Knoten auffen Stimmbändern musste Tati mit dem Schmettern aufhören, was ich als LOST-WORLD-Hörer hart schade fand. Nun geht es offenbar zumindest im Wechsel, halt etwas reduziert. NEUROTIC EXISTENCE eröffnen den bunten Reigen dann auch gleich. Es gibt Crust Punk zu hören, der schnell und mit unheilvoll klingenden Gitarrenmelodien meinen dreckigen Lauschern schmeichelt. Es gibt bereits ein Tape, welches vier Songs enthält. Geil: https://neuroticexistencepunx.bandcamp.com/releases

 

Die nächste Combo heißt PIG//CONTROL und überzeugt gleich alle Vladis, was ja bekanntlich sonst kaum einer Band gelingt. HardcorePunk aus Berlin, der mit viel Power vorgetragen wird. Der Sänger hat die Hummeln im Hintern und hält sich kaum auf der Bühne auf. So gefällt mir das! https://soundcloud.com/pig-control

 

 

VRHN

 

 

So, wir haben schön Vinyl abgeerntet, ein paar Getränke genossen und sogar noch eine Fotografin gefunden (Strecker ist heute verhindert, da müssen wir halt irgendwem die Kamera in die Hand drücken – Danke, Sarah!). Beste Voraussetzungen, um Vladiismus zu verbreiten. Das tun wir dann auch in den uns zur Verfügung stehenden 45 Minuten. Zwar kann das Nexus nicht mit Topfpflanzen aufwarten (verbesserungswürdig!), aber die Omma-Tapete samt Hirsch-Motiven ist definitiv eine Erwähnung und eine kleine Diskussionsrunde wert. Das Nexus ist gut gefüllt und pöbelnde/pogende Punx befinden sich in den vordersten Reihen. Läuft alles schön flutschig heute. Unser Froind Elias sagt später gar, dass ihm unser SLIME-Cover „Schweineherbst“ eine Gänsehaut beschert habe. Tick tick tick bääääääääääääääääääääääääääääääääääääääääämmmmmmmmmm!

 

 

 

VRHN

 

 

 

Als nächstes spielen SVFFER, auf die ich mich freue wie Sau. Haben die Bielefelder*innen mich doch bereits auffem 2014er KIEL EXPLODE mit ihrer Hyperspeed-Kanonade mitgenommen. Leonie entlockt ihrer Kehle herrlich garstige Laute und der Rest bözlt ohne Schmerzen nach vorne, vergisst zudem die sludgigen Grooves nicht. Ich würde sagen, dass SVFFER dem Mob heute die stärksten Reaktionen entlocken, denn es drehen so ziemlich alle am Rad. SWIFFER haben mal wieder schön feucht durchgewischt!

 

NUCLEAR DEVASTATION hab ich gerade erst im April mit VIOLATOR genießen können (Bambi Galore). Die aus Amsterdam stammenden Freaks zocken eine zündende Mischung aus Blackened Thrash, Crust, Death und Punk. Richtig schön chaotisch und voller Energie, da mag ich gern zugucken. Die Band hat offenbar in den letzten Tagen (Wochen, Monaten…?) gut durchgezogen, zumindest gucken einige Mitglieder sehr verstrahlt aus der Wäsche. Single wird abgeerntet.

 

Mit DEATHRITE wird das HELL OVER BRAUNSCHWEIG zumindest auf der Bühne abgerundet. Ich bin mal wieder begeistert von den Jungs. Es müssen sowieso viel mehr Metalbands in autonomen Zentren spielen! Boss-HM-2-Pedal rules!

 

Danach gönnen wir uns die DJ-Action und schwingen das Tanzbein, bis wir auf Flips auszurutschen drohen, mit denen irgendwer hier rumgesaut hat.

 

Danke, Felix! Zwischen dir und dem Rest der Welt steht eine Glaswand. Wir kommen wieder. Wenn wir dürfen.

 

 

VRHN

 

Ellerdorf, Arsch der Heide - 04.06.2016

16.08.2016 von Philipp

Der doppelte Vladi!

Dieses Mal kein reiner Tagebucheintrag, sondern eine Patchworkartikel von www.dremufuestias.de. Es berichten JoyBoy, May-Britt, Steffen Frahm und Philipp:

Philipp: Space! Das ist das Motto des diesjährigen Wilwarins und ich sach mal: passt. Denn ins All schießen sich dieses Wochenende so einige. So sehr, dass einige sich danach gar nicht mehr sicher sind, welche Elemente der wunderbaren Deko real und welche vielleicht doch eingebildet waren. Als mindestens gesichert, da von mehreren Personen gleichzeitig gesehen, gelten in Dremu-Kreisen die Space Invaders über der Mainstage, eine Alf-Puppe in 'nem Käfig sowie ein immer wieder übern Camping Ground schwebendes Ufo.

 

 

VRHN

 

 

May-Britt: Beim Releasegig von Mantar war ich zu spät dran und wollte mir die neue Scheibe bei Blitz holen und dazu dann natürlich gleich noch n Wilwarinticket kaufen. Mit Entsetzen musste ich feststellen, dass ich schon wieder zu spät war und die letzten Karten eine Stunde zuvor verkauft wurden... total ärgerlich! Auch die anderen Vorverkaufsstellen hatten keine Karten mehr. Also noch in "letzter Sekunde" zwei einzelne Tagestickets für insgesamt 91 (!!!) Euronen im Internet bestellt. Der Preis verärgert mich schon ein bisschen, denn es sind nicht mal nennenswerte Headliner dieses Jahr dabei. Aber drauf geschissen: das Wilwarin ist schließlich ein verpflichtendes Familienfest. Zum Glück konnte ich dann doch noch ein Ticket zum Normalpreis abstauben (Danke Anna+Tim!) und bin meine überteuerten Tagestickets auch problemlos losgeworden: es wurden ja tatsächlich auch Tickets bei Ebay für horrende Summen verkauft und es wurde sogar davor gewarnt, dass wohl auch Gefälschte im Umlauf sind. Nach allerhand Tickettrubel hatten dann auch alle Leute, die meiner Meinung nach nicht fehlen dürfen, die heiß begehrten Eintrittskarten oder noch begehrtere Gästelistenplätze ergattern können und es hieß ELL AWAITS :-)

May-Britt: Die Zeiten, in denen man mit nem Schlafsack, 5 Bier und 10Euro Taschengeld aufs Festival gefahren ist, sind nun endgültig vorbei und ich hab den Bus von meinem Fahrer ordentlich mit allerhand Geraffel und Luxusgütern wie ehebettgroßer Luftmatratze, Zeltventilator, Tisch usw vollgeknallt und es ging bei bestem Wetter und Hummeln im Hintern über die Dörfer Richtung Ellerdorf.

Bereits in der Autoschlange und beim Einlass hat man die ersten bekannten Gesichter gesehen und wir sind auch ziemlich schnell an dem sonst meist übelgelaunten und berüchtigten Zeltplatzein -bzw. abweisern vorbeigekommen und konnten unseren Kram aufbauen :-) Dass dieses Jahr einige hundert Karten weniger verkauft wurden, fiel nicht auf, denn der Zeltplatz war schon Donnerstagnachmittag ziemlich voll. Der restliche Donnerstag bestand darin, Freunde und Bekannte zu treffen, gemütlich zu grillen und 1-94 Cider zu trinken.

 

May-Britt: Nach einer anstrengenden Nacht neben dem "Vulvarin"-Partywohnwagen (Eurotrash ist ja schön und gut, aber doch nicht mit 5352524 Dezibel) und ner Tour zum Badesee gings dann endlich aufs Konzertgelände. Das diesjährige Motto war "Space" und die Wilwarincrew hat sich wieder viel Mühe gegeben und tolle Sachen gebastelt: von Hommages an StarTrek, über Spaceinvader-Videospiel-Krams und Alf im Käfig war alles dabei. Der allgegenwärtige Staub war sicher nicht Dekorationselement, hat mich aber stark an den SciFi-Klassiker "Dune - der Wüstenplanet" erinnert... oder Tattooine, den Heimatplaneten der Skywalkers. (Anm. Philipp: Ach, DESHALB wurden wir Vladis eingeladen!)

 

May-Britt: Die erste Band, die ich mir ansehe, ist EXPAND auf dem Second Ground. Expand spielen geilen Stoner und bieten eine gute Mischung aus gemütlich-mit-dem-Kopf-wackel-Parts und ordentlich Dampf: Genau richtig für den Start. Leider haben sie kein Vinyl, sondern nur CDs und Shirts verkauft, sonst hätte ich mir die Platte geholt.

May-Britt: Die Combo CRY MY NAME aus Rendsburg habe ich vorher tatsächlich noch nie gesehen, bzw. noch nicht mal etwas von denen gehört. Melodischer Hardcore mit ordentlichen Brüllparts und treibenden Sound schleicht sich in meine Gehörgänge und ich gehe nach vorne und "tanze" ne Runde. Endgültig überzeugt haben sie mich nicht, aber Cry my name bleiben auf meinem Radar und ich werde mir die sicherlich nochmal ansehen.

May-Britt: Danach geht es kurz zu TOKE, den ich mir wegen dem Namen mal ansehen wollte: poppiger Studentenreggae ist aber leider gar nicht mein Fall. Aber das ist ja auch das Schöne am Wilwarin: Für jede_n ist etwas dabei.

 

Philipp: Das Zelt ist aufgebaut, dringendste Bedürfnisse gestillt und so kann ein erster Blick aufs Programm Kenntnis darüber verschaffen, was mensch bisher verpasst hat: ZOI!S mal wieder! Diese Band werde ich wohl NIE live sehen können. Doch der erste Bühnengang verschafft uns gleich ein Festivalhighlight: SLYMER! Kelling knüppelt mal wieder, bis seine Birne rot anläuft, steht aber dennoch in den Pausen weniger auf als sonst. Beeindruckt bin ich auch von Olli, der noch krasser schreit, als ich es in Erinnerung hatte. Aber im grunde sollte mensch keinen Schleimkopf hervorheben, denn alle vier zusammen besorgen das Thrash-Gewitter, welches von Hardcore/Punk-Blitzen durchzuckt wird. Feini Schleimi!

JoyBoy: SLYMER sind dieses Jahr meine Eintrittskarte zum erstaunlich ausverkauften WILWARIN-Festival. Das mir bis dahin unbekannte Digitalpult, mit dem ich es zu tun bekomme, bestätigt mich in meiner Entscheidung, mit der ersehnten ersten Genussbetankung bis nach getaner Arbeit zu warten. Trotz größtmöglicher Gedankenschärfe brauche ich dennoch ein paar Songs, bis der Sound steht. Kommt aber dann ganz gut, was natürlich auch an SLYMER liegt. Souveränes Thrashgeballer mit eigener Note. Noch einen Tag später werde ich der Band zugeordnet von Leuten, die SLYMER mindestens ebenso geil fanden wie ich.


 

VRHN

 

 

May-Britt: Nach ner Runde Grillen, Cider und finnischem Minzschnaps gehts dann auf die Skaterstage zu SLYMER. Die Kieler habe ich mir schon mal in der Bude zusammen mit Problems angesehen und bin auch dieses Mal wieder begeistert. Ich kenne mich mit diesen ganzen strikten Genre-Klassifizierungen nicht so gut aus: Machen Slymer nun Hardcore oder ist das Metal? Auf jeden Fall sind sie ziemlich schnell und aggressiv, der Sänger "singt"/schreit wie ein geisteskranker Axtmörder und geht ab wie ein Zäpfchen. Die Leute vor der Bühne auch. Ein sehr geiler Auftritt. Edit: um dem Genre-Mysterium auf den Grund zu gehen recherchiere ich ein bisschen: auf ihrer Bandcampseite beschreiben Slymer sich mit den Tags: "Kiel, Krach, Metal, Kiel." Passt :-)

Philipp: Argh, NIGHT FEVER oder WUCAN? Diese Überschneidung ist mindestens so ärgerlich wie die von KZIMALPP und VRHN. Ich entscheide mich für erstere und bereue nichts. Denn diese Energie, welche von den Dänen freigesetzt wird, ist genau das, was ich jetzt brauche. Bocky findet ja, dass die Texte mit ihrem Copenhagen-Abgefeier so peinlich seien, dass er NIGHT FEVER nicht ernst nehmen könne. Das kann ich einerseits verstehen, da Patriotismus auch in der kleinen, lokalen Variante suckt, andererseits agieren NIGHT FEVER diesbezüglich noch vergleichslose harmlos (NYHC anyone?) und zudem sorgt gerade das etwas stumpfe Element der Dänen für ihre Durchschlagskraft. Diesbezüglich gehen Texte und Musik Hand in Hand: Brechstange statt Dietrich, Konfrontation statt Deeskalation. Unfassbar geil auch, wie Salomons Stimme rüberkommt – das ist eben keineswegs monotones Affenhardcoregebrüll, sondern transportiert auch räudig-reizende Melodien. Die Kirschen auffer Torte: die Fahrradhandschuhe des erwähnten Sängers!

Danach meint Stefan zu mir, ob NIGHT FEVER alles doppelt so schnell gespielt hätten. Es sei ja jedenfalls nur die Hälfte ihrer offiziellen Spielzeit rum. Moment! Erst die Häfte rum? Das heißt ja, dass ich noch etwas von WUCAN sehen können müsste! Hin da!

JoyBoy: Ich sag es allen die es hören wollen und allen anderen auch: ich halte NIGHT FEVER für die aktuell beste Hardcore-Punkband, besonders live. Die Band produziert enthusiastisches, komplett ironiefreies „Ouuuh yeah“!-Rockgepose und präsentiert sich dabei gleichzeitig als sympathischer Haufen handzahmer, szenebegeisterter Hardcorejünglinge. Seit Wochen habe ich mich auf dieses Konzert gefreut und auch wenn es etwas dauert, bis die nötigen paar mehr Leute merken, dass das, was da auf der Bühne passiert, total geil ist, werde ich nicht enttäuscht. Mein zuvor strahlend weißes, unter der Woche erworbenes SLYMER-Hemd verfärbt sich in Windeseile dem Teint des Bühnenvorraums entsprechend dunkelbraun. Ich würde sagen, nach dem Auftritt auf dem Pfingstfest 2015 der beste Auftritt, den ich von NF bisher gesehen habe. In der Songauswahl fehlt fast nichts – es gibt sogar mal wieder „Nuclear War“ zu hören und die Ersatzgitarristen absolvieren ihre anspruchsvolle Aufgabe ohne erkennbare Schwächen. Wie im letzten Jahr erlebe ich meinen persönlichen Festivalhöhepunkt bereits am frühen Freitagabend. Der Rest des Tages kann gemütlich und ereignisarm abgesessen werden.

 

May-Britt: Danach muss ich mich zwischen zwei Bands entscheiden und schaue mir erst NIGHT FEVER auf der Skaterbühne an. Die spielen ziemlich geilen Hardcore und mir wird gesagt, dass sei "typisch K-Town"... Kopenhagen kann anscheinend einiges. Erst dachte ich, dass die zwei Sänger haben, aber sowohl Gebrüll, hohes Gekreische als auch Pete Steel oder Glenn Danzig-mäßiges tiefes Gesumme liegen im schizophrenen Stimmrepertoire des Sängers. Nach 5-6 Songs mus ich mich auch schon von den Dänen verabschieden, da ich mir noch WUCAN auf dem Second Ground ansehen wollte.

 

Philipp: Schnell hindrängeln zu WUCAN, liebe ich doch vergleichbare Bands wie BLUES PILLS oder BLOOD CEREMONY! Der die Dresdner von diesen Bands abhebende Krautrock-Einfluss ist live noch stärker zu verspüren, wie ich auf Anhieb merke. Obwohl ich zu spät gekommen bin, saugt mich die Magie des Auftritts sofort zur Bühne. Dort haben sich nicht nur die üblichen Verdächtigen wie Maddie und Tim bereits entkleidet, sondern augenscheinlich sind auch weitere Anwesende im hippieesken Ausziehmodus. Geht. WUCAN spielen einen zwischenzeitlichen Stromausfall einfach akustisch weg und kommen dann zu meinem Lieblingssong, dem deutschsprachigen und über 15-minütigen „Wandersmann“. Was für ein Hammersong, der live sogar noch krasser als Krätze unter die Haut geht. Francis‘ Stimme sort für nachhaltige Gänsehaut, Theremin und Flöte bimmeln und wimmeln mir quasi jetzt noch im Hirn herum.

May-Britt: Wucan spielen abgespaceten Psychedelicrock inkl. Theremin und passen wie die Faust aufs Auge zum Wilwarin-Feeling. Passend zu dem durchgeknallten Querflöten-Woodstock-Rock mit schöner Frauenstimme kommen auch Meddy, Tim und ein paar andere Teilzeitnudisten vor die Bühne und drehen durch. Auch toll ist, dass Wucan einfach improvisieren und eine Akustikshow machen und die gute Stimmung weiterhin aufrechterhalten als wieder mal der Strom ausfällt. Trotzdem schade mit dem Strom: hätte gern mehr vom Theremin gehört. Eine sehr sympathische Band, die mein persönliches (bandmäßiges) Highlight des Festivals ist. Die Platte "Sow the wind" ist auch schon aufm Spieler :-)

 

May-Britt: Nach dem betörenden Auftritt von Wucan geht es kurz zu STEAK NUMBER EIGHT, die ich mir aber nur für ein paar Songs anschaue, da sie mich nicht wirklich fesseln können und ich mehr Lust auf Zeltplatzaction habe.

May-Britt: Dafür sind THE MOTH aber umso besser. Das Trio spielt atmosphärischen und doomigen Weltuntergangsmetal. Der melancholische Gesang von Bassistin und Gitarristen gepaart mit energiegeladenen, schweren Gitarrenriffs finde ich sehr angenehm. Zu Hause höre ich mir das Album "They Fall" an und von Lied zu Lied gefallen sie mir besser. Viele solcher Juwelen wie The Moth gleichen dann auch die fehlenden "Headliner" aus.

Philipp: Wilwarin 2016 – wie immer in der Rückschau ein Sammelsurium aus Erinnerungen. Wir genießen die veganen Burger, hängen vor etlichen Bühnen mal kurz ab, treffen unzählige Menschen oder lassen uns einfach so treiben, bis DEAD HEADS uns wieder länger vor einer Bühne zu fesseln vermögen. Die Göteborger Rotzrocker erinnern mich daran, warum Bands wie GLUECIFER oder HELLACOPTERS mal so fesselten. Im Vergleich zu erwähnten Bands ist mehr MOTÖRHEAD und mehr Metal drin, aber mindestens vergleichbare Rotzigkeit bei hohem Hitpotenzial. Herrlich der (bewusst) leicht verwaschene Gitarrensound und natürlich Manne Olanders Gesang, der einfach 95% aller vergleichbaren Bands auf die Plätze verweist. Die Band liefert die erhofften breitbeinigen Posen, tritt enorm Arsch und ist zu dieser Tageszeit einfach perfekt platziert. „Loaded“ heißt deren zweites Album ja schließlich nicht umsonst!

May-Britt: Später in der Nacht tanzen wir dann noch ordentlich zu Fischmob, Smoke Blow und anderen Krachern aus der Dose vor der Tresenbühne und ich sammel anscheinend Unmengen an Pfandchips an... Bald habe ich einen Pokerkoffer voll ;-)

Philipp: Es ist zwar spät und der geneigte Wilwarin-Besuchsmensch hat den Tag früh begonnen, aber bei DISTILLATOR geben alle nochmal – genau! – alles. Eine amtliche Dosis Thrash Metal geht in meinem Buch immer. Schön, dass das auch aufs Wilwarin zutrifft. Das niederländische Trio hat mich bereits als Support von RAVEN und von METAL CHURCH begeistert und gibt auch heute wie erwartet Stoff ohne Ende. Wo viele Neo Thrash Bands zu modern klingen, wurzeln DISTILLATOR tief im Old School. KREATOR, SODOM, DESTRUCTION, Spandex, Patronengurte – mehr will ich gar nicht von Musik… Zum Glück haben DISTILLATOR auch in Ellerdorf ihr SLAYER-Cover „Black Magic“ am Start, welches die eigenen Geschosse „Revolutionary Cells“, „Bloody Assault“ oder „Shiver In Fear“ hervorragend ergänzt. Thrrrrrrrrrrrrrrrrash!

Tag 2

Steffen: Endlich mal wieder auf'm Wilwarin! Letztes Mal, als ich in der Klapse war, mußten sie 2 gestandene Musiker shanghaien, um mich zu ersetzen. Wir reisen getrennt an, einerseits weil Urlaubszeit is, andererseits, weil wir uns nach 10 Jahren on the road phasenweise nicht mehr ausstehen können; Gäde und ich als Erste, Ausladen, Rumlungern und Beef mit 2 Fungirls haben, die die harten Strahlen ihrer Waterpumpguns gezielt auf den Genitalbereich richten, so daß es aussieht, als ob, haha, genau. Eigentlich ja wirklich ganz gäckig, aber lustige Zwangseingemeindung war noch nie total unser Boogie. Ich muß außerdem sofort an diesen einen Ostzonen-Vorbilddeutschen denken, dessen Bild um die Welt ging, Hitlergruß und Pisseschatten, aber solche Assoziationen werden hier, wie schön, kontextuell im Keim erstickt, stante pede. Stulle rumpelt seinen blauen Logan (KZIMALPP uses & endorses Dacia), den er sich so gerade eben von den Tantiemen der Bullen-Splitsingle abgeknappst hat, erst kurz vor unserem Auftritt über die staubigen Wirtschaftswege im Rektalbereich der Scheunenbühne, auf der in früheren Zeiten bekanntlich das Ellerdorfer Waldfest stieg.

May-Britt: Der Samstag beginnt für mich relativ früh, da sich mein Zelt (trotz Zeltventilator :-D ) innerhalb von einer Stunde Sonnenschein in eine Sauna verwandelt hat. Also erst mal etwa eine Stunde in der Duschschlange anstehen und ne Runde mit den Mitwartenden schnacken, um sich dann vom Wüstenschmodder zu befreien. Nächstes Jahr könnte es ruhig ein paar mehr Duschen geben. Es gab vor einigen Jahren auch mal eine selbstgebaute Gemeinschaftsdusche (Gartenschlauch), vielleicht wäre das eine Idee für nächstes Jahr liebe Wilwarin-Crew? Wer sich nicht nackig zeigen mag, kann ja in Unterwäsche duschen und für die Dusch-Fanatiker gibts dann eben die Bezahl-Dixi-Duschen...

Philipp: Irgendwie ist es gestern doch sehr spät geworden und plötzlich erscheint es gar nicht so einfach, zwischen Aufstehen und RICH KIDS DRESS UP noch Tätigkeiten wie Frühstücken, Duschen und Haarekämmen zu quetschen. Ich gehe tatsächlich zum ersten Mal auffem Wilwarin duschen, wobei es die Duschen auch erst seit 2015 gibt, glaube ich. Die Schlange davor ist recht lang und scheint sich angesichts von lediglich zwei Duschkabinen in unfassbarerer Langsamkeit zu verringern, zumal ich ungeschützt der sengenden Sonne ausgesetzt bin. Aber umso schöner gestaltet sich der Zeitpunkt, als das kühle Nass in der kreativ zusammengezimmerten Kabine auf mich niederprasselt. Im Hintergrund höre ich Svea bereits soundchecken.

Steffen: Zu diesem Zeitpunkt flanieren Jochen und unser Manager Matthias Koch bereits selig untergehakt über die Festwiese, weil sie sich offiziell mit Dave Smalley bekumpelt haben, initiiert durch Gädes strategisch geschickt aus dem Wäschepuff gegrabenes ALL-Leibchen ("Hey man, nice shirt!"). Matze hat Smalley dann erstmal auseinanderklamüsert, was einige seiner Facebook-Freunde für Typen sind und für die Zukunft einen Job als Tourpromoter quasi schonmal angesät. Was ich außerdem lerne an diesem Abend: Vor Jahren habe Dave Smalley (Ex-All, Ex-Dag-Nasty) sich mal auf sehr amerikanische Art ungeil geäußert, "...irgendso'n Redneck-Scheiß...", aber was genau, weiß Matze Koch ausnahmsweise nicht mehr. Er hat Smalley aber erklärt, daß er das nicht gut fand, damals. Ach ja, und Jens Rachut, der heute mit ALTE SAU da ist und nach uns auftreten wird, ham se auch getroffen und sich gegenseitig versichert, daß sie sich kennen.

May-Britt: Nach einem ausgiebigen Katerfrühstück gehts dann auch direkt zum Badesee...da hätte ich mir das Gewarte auch sparen können...nun ja. Wir wurden innerhalb von 2Minuten direkt von einem freundlichen Typen mitm Auto rumgefahren. Der Badesee ist echt zu empfehlen: Schwimmen, Toiletten, Pommes, Eis, Duschen: und das nur etwa 2km vom Festivalgelände entfernt. Vor lauter Eis essen und baden verpasse ich leider RICH KIDS DRESS UP, aber die wird man mit Sicherheit in Zukunft häufiger sehen können.

RICH KIDS DRESS UP

JoyBoy: RICH KIDS DRESS UP sehe ich momentan sehr häufig, ist aber immer sehr gut und auch jedes Mal noch ein klein wenig besser als beim Mal davor. Immer sehr catchy und abwechslungsreich, auch wenn heute nicht jeder Song ganz wie geplant kommt, und Svea teilweise sichtlich Mühe hat, bei dem ungewohnten Tempo hinterherzukommen.

Philipp: Ja, Tim knüppelt ordentlich rein, was Svea immer wieder zu beschwichtigen Gesten treibt. Das stört mich aber weniger als die Tatsache, dass Svea wieder etwas zu leise im Mix ist. Denn gerade ihre Stimme ist der Hammer und müsste meines Erachtens nach richtig deutlich im Vordergrund stehen. Ich stimme JoyBoy ansonsten zu, dass RICH KIDS DRESS UP bis jetzt bei jedem Auftritt eine Steigerung hinbekommen. Heute gibt’s auch die EP mit Studioaufnahmen und gierigem Rednsburger-Hochbrücken-Cover, sodass Songs wie „Seabreeze“, „Awaking The Sun“ oder „Heartshape“ genauer analysiert werden können.

Steffen: Ich habe in der Zwischenzeit einen Teleskopstapler fotografiert (Seit mein Sohn seine Leidenschaft für Nutzfahrzeuge entdeckt hat, bin ich firm mit den Fachtermini), mich mit Zarc Harkonnen aufs Herzlichste über die Freuden des Spagats zwischen den Lebenssegmenten "Semiprofessioneller Freizeit-Musikant" und "Family Man" ausgetauscht, und wir sind eigentlich in Allem einer Meinung. War überfällig. Ich kenn' diesen Haudegen und seinen Bruder Eric Harkonnen, beide unkorrumpierbare Beherrscher ihrer Instrumente, seit 25 Jahren, und es ist immer wieder eine Freude, sie zu sehen. Leider finden unsere Konzerte parallel statt, und aus der theoretisch guten Idee, sich gegenseitig für einen Song auf der Bühne zu besuchen, wird natürlich nichts werden. Noch ahne ich nicht, daß es in gewisser Hinsicht gut laufen soll für mich, heute Abend...

MØRDER

JoyBoy: Endlich mal MØRDER! Darauf habe ich wirklich lange gewartet, schließlich eilt den beteiligten Musiker*innen in puncto Fähigkeiten ebenso ein guter Ruf voraus, wie in puncto Geschmack. Das muss schon ziemlich geil werden, um meinen Erwartungen einigermaßen gerecht zu werden. Wird es auch. Handwerklich stimmt – wie erwartet – alles und auch das Songmaterial weiß zu überzeugen. Es gibt diese Apocalypsen-Gänsehautmomente, auf die ich bei crustpunkigem Kram immer warte – zwar nicht das ganze Set über, aber irgendwo muss ja noch Luft nach oben gelassen werden. Interessanterweise kommt Annas Unterweltgeschrei im Kontrast mit ihren Ansagen, bei denen sie schlagartig sehr menschlich wirkt, noch krasser rüber.

Philipp. Bei MØRDER sind die Familien von Pete und Christian zugegen, was den Altersdurchschnitt gleich erheblich senkt. Ob dieses Geballer und Gebrüll angesichts von Minderjährigen im Publikum nicht einer freiwilligen Selbstzensur unterzogen werden sollte? Ach was, schließlich zeigt sich Anna als Hippie: „Wir liem euch auch, Aller!“ Konzerte auf der Skater Stage sind einfach geil – du kannst dein mitgebrachtes Dosenbier trinken, kannst dich auf’n Rasen legen und bei Bedarf problemlos diven. Allerdings fehlt ein Bierpils, mensch will ja nicht ständig wegen Biernachschub Songs verpassen. Dafür können natürlich MØRDER nichts, die wieder mal feist hinlangen. TRAGEDY, DISFEAR und Konsorten lassen aufs Angenehmste grüßen – ich kann sowas ja den ganzen Tach hören.

May-Britt: Zurück aufm Gelände ist die erste Band, die ich mir auf der Skaterstage ansehe, MÖRDER (mit dänischem ö). Richtig schönes crustiges Geballer zum richtig wach werden, teilweise ist es mir etwas zu brutal und disharmonisch, aber so gehört das eben ;-) Auf ihrer Facebookseite schreiben Mörder: MØRDER hassen so ziemlich alles, wenn es kein Bier ist.

Das hört man :-) Von den Texten verstehe ich nicht viel, dafür finde ich die Ansagen von Anna umso interessanter. Zum Beispiel geht es um Vladimir Putins menschenunwürdige Arschloch"politik" oder um Statements frei nach dem Motto "love sex. Hate sexism". Die werde ich mir in Zukunft hoffentlich häufiger ansehen.

KEINE ZÄHNE IM MAUL, ABER LA PALOMA PFEIFEN

VLADIMIR HARKONNEN – der erste Gig

Steffen (über den eigenen Auftritt): Während des Aufbauens, mit einer die Peitsche schwingenden und Mickymäuse tragenden Stagehand im Nacken, fällt mir auf, daß ich mein Streßbrett im Ü-Raum gelassen habe. Heiliger Strohsack. Ich überschlage die Setliste im Kopf und prognostiziere, daß es wohl auch so gehen wird. Nachher, beim Konzert, fällt mir auf, daß ich den Quatsch eigentlich kaum benutze; na gut, das Tremolo bei "Gebumst" und zwischendurch ma mit dem Delay HUUUIIIIIIII! machen, aber sonst? Der Feuervogel hält die Stimmung (im Gegensatz zu seinem Besitzer), also doch perspektivisch Kabel-rein-und-ab-die-Geige? Nö, 30% meiner Vorfreude sind über'n Nord-Ostsee-Kanal. Infolge des üblichen Sklaventreiber-Soundchecks verbiestert reißen wir im feedbackenden Krachgarten des beschissensten Bühnensounds aller Zeiten unsere 45 Minuten ab, einzig und allein getragen von der kollektiven Zuneigung einer willigen Meute. Die größte Diskrepanz zwischen "Drinnen" und "Draußen", die mir je widerfuhr. Danke, Leute, IHR habt es zu dem gemacht, was es war. Aber WIR ja irgendwie auch...Watt denn nu? Ich weiß es nicht. Zusammenräumen im Backstage-Wäldchen, ich lasse der nach uns aufspielenden, Zöpfe und Hut tragenden Bluegrass-Combo meine Kneifzange zum Saitenwechseln da. Bei Jochen und Matze flitzen die Merch-Artikel unterm Scanner durch, und Stulle muß GENAU JETZT dienstlich nach Oberhausen, um dort einem seiner Schützlinge beim Geburtstagfeiern zu helfen. Der sitzt morgen mit Papierhut auf dem Kopf auf dem Balkon um eine Torte rum und ist erst Montag wieder da. Surreal. Heftiger Typ.

JoyBoy:  Nach zwei – drei Songs der bestens aufgelegten VLADIMIR HARKONNEN, die ich heute endlich mal mit ihrem neuen Gitarristen sehen kann, eise ich mich los um ja nichts von KEINE ZÄHNE IM MAUL ABER LA PALOMA PFEIFEN zu verpassen. Fiese, für mich wirklich schmerzhafte Überschneidung im Programm, für die ich aber später glücklicherweise entschädigt werden sollte. KZIMALPP habe ich nach langen vergeblichen Mühen in den letzten Jahren endlich halbwegs angemessen zu schätzen gelernt. Das alles überstrahlende „Leb so, dass es alle wissen wollen“, das auch heute den von vielen textsicheren Menschen begleiteten Höhepunkt im Set bildet, war vermutlich nicht nur für mich ein Aha-Erlebnis, was die Band angeht. Seitdem: Die-Hard-Fan! Voll aufgesprungen auf den Hype. Können ja nicht alle so früh schnallen wie Schrammi oder Philipp. Weitere Höhepunkte für mich heute: „Gewissensboogie“ , „Dem Teufel Geld“, „Postsexuell“. Toll.

May-Britt: Nach einer Verschnaufpause gehts dann wieder zur Skaterstage zu VLADIMIR HARKONNEN. Was für ein Fest! Fieser Sonnenschein, fieser 40Grad warmer Apfelkorn und schon nach den ersten Klängen von den Vladis verwandelt sich alles in einen riesigen staubigen Mob. Ich gebe das Fotografieren auf, weil schon beim zweiten Song Bierdosen und nackte Leute durch die Gegend fliegen und man bei dem Staub eh kein gutes Foto zu Stande bringt. Zur musikalischen Qualität muss man ja gar nicht mehr viel sagen: eine Band, die man sich immer wieder gern ansieht und ordentlich nach vorn brettert. Phillip gibt wieder mal alles und performt+brüllt auch liegend im Staubmob. Auch mein mindestens 40grad warmer Apfelkorn wird von Vladis ohne mit der Wimper zu zucken vernichtet. Respekt. Besonders schön fand ich das Slime-Cover Schweineherbst.

Philipp: Nun das Schlimmste, was einem Schreiber passieren kann: Textsortenüberschneidung! Konzertbericht trifft auf Tagebucheintrag, auweia. Als ob es nicht schon schwierig genug ist, die chillige Festivallaune wie eine Schlangenhaut abzuwerfen, aus der unerträglichen Leichtig- und Langsamkeit des Seins wieder in das Herumspringen und Geifern eines Hardcoregigs zu finden. Aber es funktioniert. Und es macht Spaß! Wenn die Leute nur nicht so viel Dreck aufwirbeln könnten! Wäre das nicht alles Wüstenplanetdeko zu Ehren des Baron Harkonnen, hätten wir uns bestimmt irgendwo BESCHWERT! Zum Glück erkennen die Menschen vor der Bühne unseren staubtrockenen Zustand und bespritzen uns mit Bier. Eine_r schleicht sich sogar von hinten an und schüttet mir einen ganzen Humpen über die Rübe. Den fest im Programm installierten Bodenroller darf ich laut Vertrag dennoch nicht streichen und krabbele danach schön paniert wieder auf die Bühne zurück. Ein Typ greift sich mein Mikro und äußert Unmut darüber, dass meine Ansagen nicht politisch genug seien oder nicht mehr so politisch wie früher. Diese gewagte These widerlegen wir mit einer entsprechenden Ansage zu SLIMEs „Schweineherbst“. Auch sonst fühle ich mich jetzt irgendwie gefordert und lege auf allen Ebenen unterbewusst noch ‘ne Schippe mehr Wut drauf. Insgesamt eine tolle Sache bei infernalischer Hitze.

Schade nur, dass wir KZIMALPP nicht sehen konnten.



VRHN

 

WORST

JoyBoy: WORST Astreiner Affenhardcore, eigentlich nicht so ganz meins, aber scheinbar bin ich grade prima primatenmäßig drauf. Auf jeden Fall hab ich das Konzert und das Gemoshe drumrum, inklusive des menschenschmeißenden Kelling, in sehr guter Erinnerung.

ALTE SAU

Steffen: Ewig nicht auf'm Festival gewesen; erstmal adaptieren. ALTE SAU gehen mir nach 1,5 Stücken auf den Keks, ich kuck mir mal den Slot an und ende am just angefachten Lagerfeuer. Die Reizüberflutung läßt nach, allmählich komme ich hier an.

JoyBoy: Bei ALTE SAU schaue ich interessehalber natürlich mal rein, schließlich konnte ich Rachut (Genau, dieser schräge Typ, der so viele sehr gute Punkbands maßgeblich mitzuverantworten hat!) bisher nur mal in einer Theaterinszenierung von STUDIO BRAUN live sehen. Leider entwickelt sich das Konzerterlebnis für mich ähnlich wie meine Versuche, mich mit den Arthausfilmen von Helmut Berger anzufreunden: die gewollte Sperrigkeit der kunsthabitusgeschwängerten Darbietung strengt mich nach ca. 10 Minuten so heftig an, dass sich mein simples Gemüt nach niedrigschwelliger Unterhaltung zu sehnen beginnt. Da nützt es dann auch nichts mehr, dass der jeweilige Hauptdarsteller n geiler Asi ist.

Philipp: Hm, ich kann mich in diesem Fall meinen Vorrednern so gar nicht anschließen, was vielleicht der Tatsache geschuldet ist, dass ich beide Alben von ALTE SAU besitze, mit dem Songmaterial der neuesten Rachutband somit schon im Vorfeld vertraut bin. ALTE SAU verzichten halt auf Gitarren und diese WIPERS-Klampfe war natürlich schon bei den meisten Rachut-Sachen vorhanden. Bei ALTE SAU gibt es im Kern „nur“ Orgel, Schlagzeug und Gesang, was einige als anstrengend empfinden mögen. Für mich sind aber Rachuts Texte und seine Stimme (seit einiger Zeit auch der Wechselgesang) DAS tragende Element schlechthin. Den Wechselgesang von Orgelqueen Rebecca Oehms ergänzen noch zwei Backgroundsängerinnen mit verstörenden Chören. Textlich findet mensch bei Rachut wieder diverse Tiermetaphern, welche häufig menschliche Ängste thematisieren: „Möchtegernwolf, du riechst nach Urin / deine Haut besteht aus Schulden und drei Sorten Flöhen / bist jetzt viel zu alt / keiner will dich nehmen / du stinkst wie ein totes Reh“ („Drei Sorten Flöhe“). Das versteht man auch live rein phonetisch gut, aber während der eine halt ratlos mit den Achseln zuckt, fährt die andere erschrocken zusammen, weil hier irgendein Nerv getroffen, etwas Vertrautes mit Worten umschrieben wird, die bisher für rein privat gehalten oder noch gar nicht gefunden wurden. Toller Auftritt!  

DAVE SMALLEY

Steffen: DAVE SMALLEY und sein korkenziehergelockter Kollege Pablo sind fast so gut wie das in-depth-Gespräch, daß ich bis dahin mit John Jet geführt habe, meinem Graue-Zellen-Freund-und-Kupferstecher, meiner politischen Leitfigur aus alten und irgendwie doch nicht so schlechten Tagen über der Hohen Straße in Rendsburg. Smalleys metallicblaue LesPaul und Pablos Westerngitarre, auf der er einen formidablen Leadjob erledigt, das funktioniert erstaunlich gut. Zwar waren mir ALL und DESCENDENTS und solche Bands irgendwann immer zu wenig depressiv, aber gegen einen guten Song habe ich noch nie was einzuwenden gehabt. Ich kann außerdem was anfangen mit alten Säcken, die eine Geschichte haben und mir mit der Credibility ihrer mehr oder weniger ausgeprägten Abgewohntheit erzählen, ich solle jeden Tag so leben, als wäre es mein Letzter. Das Proclaimers-Cover "I'm Gonna Be (500 Miles)" gefällt mir am besten. Gäde erlebe ich nach dieser gelungenen Show für seine Verhältnisse geradezu euphorisiert, Matze Koch schielt vor Glück.

VLADIMIR HARKONNEN – der zweite Gig

 

 

VRHN

 

 

JoyBoy: VLADIMIR HARKONNEN Glücklicherweise fiel irgendeine Band aus, die ich eh eher doof fand, so dass ich doch noch die erstaunlich gelungene „Schweineherbst“-Coverversion live erleben durfte, wenn auch leider nicht wie erhofft mit Jochen als Gastsänger. Nachdem ich das Gefühl hatte, bei VH im positiven Sinne zu wissen, was mich bei den Konzerten erwartet, werde ich an diesem Abend überrascht. Irgendwie passt die Chemie zwischen Band und Publikum heute besonders gut und Henrik sorgt wie schon am Nachmittag für einen sehr guten Sound. Auf jeden Fall entfaltet sich ein angenehm aus dem Ruder laufendes Konzert – eins der besten der Harkonnens, möchte ich behaupten.

Steffen: Und dann setzt die glückliche Fügung, daß die mächtigen VLADIMIR HARKONNEN für die unpäßlichen VÖGEL DIE ERDE ESSEN einspringen, einem zwischenmenschlich schon mehr als üppigen Abend die Billing-Krone auf. "Wer vorhin bei La Paloma war, der hat das rrichtich gemacht!" grunzt Philipp Wolter, und dem kann ich nur beipflichten! Ich war ja auch bei La Paloma, höhö. Plötzlich steht John hinter mir, der's noch nie recht hatte mit Metal (Später lege ich ihm Frank Schäfers "111 Gründe Heavy Metal zu lieben" ans Herz) und den mein am Lagerfeuer gemachtes Bekenntnis, da wieder dran zu sein (wenn auch eher an den zähen Mehlschwitze-Spielarten des Genres), moderat erstaunte. "SO macht mir Metal Spaß!" brüllt er mir ins Ohr. "Für den Erhalt autonomer Zentren!" röhrt Phil, und ich sag zu John: "Ey, der hätte auch von dir sein können, früher!" Wir feiern diese Funken sprühende Kurzstreckenrakete von einem Auftritt ab, wie wir früher Sachen abfeierten, die's wert zu sein schienen und lachen uns kaputt über Wolters Sternstunden der Ansagenkunst; z.B., daß er nach lobenden Worten über die stilistische Vielfalt und das harmonische Miteinander der musical tribes auf dem Wilwarin, kühn metaphert: "VIELLEICHT IS DER MENSCH DEM MENSCHEN JA GAR KEIN WOLF SONDERN, öh, 'NE KATZE ODER SO..." Und dann ist da dieser eine, sehr besoffene Kurzbehoste, der Gäde bei Dave Smalley schon innig auf den Mund küsste (worauf ich ihm den bei unserem Gig auf die Bühne geworfenen Teddy zum Abwischen reichte) und der jetzt Philipp Wolter herzhaft wühlend berüh-, nein: ANFASST, wann immer sich die Gelegenheit findet. Bald ist der Moment wieder da, wo Wolter es, jetzt mit ersten Anflügen von Ratlosigkeit, über sich ergehen läßt und schließlich kommentiert: "Bist eher so der haptische Typ, ne? So'n SÄNGERANFASSTYP..." - worauf die jederzeit feuerbereite Band sich in ihr nächstes Stück stürzt. Die Power und die feist Grimassen ziehende Unmittelbarkeit sind überwältigend. Sehr geil auch die beiden Gitarristen mit ihren schwarzweißen Flying Vs (Der Neue eine von Epiphone, Zarc natürlich 'ne Gibson). Und Es-gibt-nur-einen-Erich-Ulrich, der auch im über-500-bpm-Bereich das Metrum hält wie eine alte Uhr auf Speed. Geile Typen, alle! Eine von der ersten Sekunde an überzeugende Kombination als altem Thrash, altem HC einer glasklar vertretenen politischen Haltung und...SPASS! Und sie covern "Schweineherbst". John Jet steht neben mir, wir grölen mit, da vorne steht Zarc in seinem Poison-Idea-T-Shirt, und ein alter, meinerseits fast schon aufgegebener Kreis schließt sich. Das ist so schön, daß ich am nächten Morgen Tränen in den Augen habe.

May-Britt: Da das Wilwarin mittlerweile echt länger her ist, kann ich mich nicht mehr genau daran erinnern, was ich denn noch alles so gesehen habe. Anscheinend nichts, was einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen hat. The Dead South hätte ich mir noch gern angesehen, aber die habe ich aus irgendwelchen Gründen verpasst. Ich kann mich nur noch schemenhaft an den DOPPELTEN VLAD erinnern. Vögel die Erde essen, eine Stonerband mit komischem Namen, konnten nicht auftreten und Vladimir Harkonnen sind netterweise eingesprungen. Diesmal auf dem sogenannten Secondground. Für mich ists die Tresenbühne. Auch hier ist es wieder mal staubig, laut und voll. Sehr geiles Ding!

Philipp: Irgendwann zwischen erstem Vladi-Gig und ALTE SAU erreichte mich die Nachricht, dass wir einen zweiten Slot wahrnehmen könnten, da eine Band absagen musste. Auch ich stimme natürlich begeistert zu und so finden wir uns um halb zwölf beim Second Ground ein, um nochmal zu ballern. Der doppelte Vladi! Für Andi, der ja auch bei MØRDER basst, ist es heute sogar der dritte Auftritt an einem Tag, was  womöglich irgendeinen Wilwarin-Rekord darstellt. Steffen, May-Britt und JoyBoy haben das so schön beschrieben, dass ich da kaum noch etwas hinzufügen vermag. Aber auch aus Bandsicht lässt sich bestätigen, dass dies einer dieser Auftritte ist, bei dem irgendwie alles stimmt, der etwas Besonderes ist. Die Bedingungen sind schon mal top: Henrik ist zwar im Vorfeld nervös, weil er schon viel über klangliche Schwierigkeiten des Second Ground gehört habe, kriegt das aber super hin, wie uns später wiederholt von außen zugetragen wird. Auch der Bühnensound, den ein separater Mischer besorgt, ist überdurchschnittlich. Dazu ist es kühler als um halb sechs, was den Mob viel aufgekratzter und lebendiger erscheinen lässt. Und man lebt als Sänger natürlich gerade in den Pausen von dem, was so kommunikativ aus dem Publikum kommt. Und da kommt so einiges. Der erwähnte Anfasstyp wird von weiteren Bühnenmarodeuren und Zwischenrufer_innen zum Teil noch getoppt, immer wieder werde ich ins Publikum gerissen, es werden Backpfeifen verteilt und der nervige Pfeiler mitten in der Bühne endlich mal sinnvoll als Garderobe genutzt. Wenn ich allerdings gedacht hätte, dass es unterm Dach weniger Dreck geben würde, so sehe ich mich getäuscht: Es wird vielmehr deutlich mehr Schmodder aufgewirbelt, der sich bald hinter meine Kontaktlinsen setzt und mich fast den gesamten Gig über blind über die Bretter stolpern lässt. Trotzdem ein reiner Hochgenuss. Danke, Wilwarincrew für die doppelte Ladung Vladiismus!

 

 

VRHN

 

 

INSANITY ALERT

JoyBoy: Angestiftet durch Kelling sammle ich ich mich nocheinmal für den späten Auftritt von INSANITY ALERT aus Ösiland, was mir mittlerweile nicht mehr ganz leicht fällt. Andi unterstützt mich dann glücklicherweise moralisch an der Bar. Als INSANITY ALERT dann schließlich loslegen, schläft Kelling, während mir schlagartig jede Müdigkeit aus dem Körper gemetert wird. Alter Schwede: MUNICIPAL WASTE geteilt durch OI POLLOI. Ich raste aus! Der Sauf-und-Kiff-Thrasher-Humor der Band drischt in meinem Zustand zielsicher auf einen offenliegenden Nerv ein. Spätestens beim „Run to the hills“-Cover, bei dem im Refrain publikumsanimierende Plakate keine Fragen zu den vorgenommenen Textmodifikationen offen lassen („RUN TO THE PIT!“ bzw. „MOSH FOR YOUR LIFE!“) hat die Band die Menge heftigst im Griff. Späte Überraschung und nochmal ein echter Höhepunkt. Ich sehe mich amüsiermäßig nunmehr für dieses Jahr im Soll und gehe schlafen.

Philipp: Ich bin eigentlich richtig hart im Eimer, kann mich aber nicht vom INSANITY-ALERT-Auftritt losreißen. Beim Umbau hatte ich ‘nen kurzen Schnack mit der Band, der mich sie als sympathisch und interessant zugleich hat wahrnehmen lassen. Das ganze Gedöns wie Aufsteck-Krabbenhände („Confessions Of A Crabman“ oder so), Schilder mit Aufforderungen wie „Mosh!“, die im richtigen Moment präsentiert werden (Gitarrist shreddert wie Hölle, Sänger hält ein Schild mit Pfeil und der Aufschrift „This guy!“ hoch), oder durchgeknallte Sehhilfen unterstreichen nur den musikalischen Irrsinn, der in der Tat vor allem an Bands wie MUNICIPAL WASTE erinnert. Der Sänger ist ein agiler Kerl mit erstaunlich morphbarer Physiognomie , der den Pit immer wieder zu nächtlichen Höchstleistungen antreibt. Innsbruck mosh!

May-Britt: Danach wird wieder ordentlich zu Musik aus der Dose getanzt und noch mehr Pfandchips angesammelt.

Und sonst so? Die Elektro und Reggaestage sind dieses Jahr völlig an mir vorbeigegangen. Die Leute dort schienen aber ihren Spaß zu haben. Auch toll sind die riesigen Diy-Hollywoodschaukeln und die liebevoll gestaltete Deko.  Einen Fotoautomaten gabs wohl auch, muss bei der Selfiegeneration wohl sein. Das Publikum war insgesamt sehr durchmischt, von jungen Abiturientenhipstern bis Altpunks, von zotteligen Hippie-Omas bis finster dreinblickenden Metalern war (für) alles und jede_r (etwas) dabei. Das macht für mich auch zum Teil den Reiz des Wilwarins aus :-)

Auch wenn die Stimmung auf dem sich schon nahezu komplett geleerten Festivalgelände schon geradezu postapokalyptisch war, wurde noch gemütlich gefrühstückt und ausgekatert. Schade, dass viele Festivalbesucher trotz Müllpfand so unglaublich viel Schrott und Zelte stehen lassen...

Eigentlich hatten wir uns vorgenommen unseren Fahrer richtig doll zu nerven und nackt, bierdosenwerfenderweise im Auto rumzugröhlen (er würde es mit Sicherheit auch tun), aber wir waren wohl viel zu zerfeiert und tiefenentspannt vom wilwarianischen Hippiefeeling.

Ich freue mich jetzt schon wieder total auf nächstes Jahr!!

 

Philipp: Ein herrliches Wilwarin geht zu ende? Noch lange nicht! Aber ich resümuiere, dass es für mich eins der schönsten Wilwarins war. Perfekte Stimmung ohne Stress, krass gutes Wetter, tolle Bands, die zwei eigenen Gigs, Liebe und Bier. Der Dachs ist im Bau!

Hamburg, MS Hedi - 27.05.2016

14.06.2016 von Philipp

Get on the boat!

Aus einer Mail der Veranstalterin: „Zwei Herausforderungen birgt die Sache:
Seegang: Ihr müsst seefest sein und bei Wellengang spielen können.
Platz: Auf eher sehr kleinem Raum baut ihr euer Set auf. Aber die Nähe zum Publikum ist euch garantiert!“


Hedi

 

Habe ich eigentlich schon einmal erwähnt, wie sehr ich Konzerte auf Booten liebe? Als Besucher erinnere ich mich diesbezüglich gerne an HAMMERHEAD auffer MS Stubnitz, verschiedene Konzis von NO MORE ART, KRANK oder EMPOWERMENT auf der MS Hedi und THOSE TWENTYTWO COLTSUCKERS auf der Wappen von Schleswig. Mit BONEHOUSE sind wir 2005 sogar mal auf einem Boot mitten auf der Seine aufgetreten und nu gibbet auch für VLADIMIR HARKONNEN die Chance, eine Bootstour mit der MS Hedi durch den Hamburger Hafen zu machen. Wochenlange Vorfreude!

 

Ich komme als erster bei den Landungsbrücken an, da ich direkt aus Lübeck mit dem Zug anreise und chille ein wenig in der Sonne. Ja, richtig, Sonne, wie geil! Denn morgens war das Wetter noch nicht so der Hammer, aber mit meiner Ankunft in Hamburg klart plötzlich der Himmel auf und von nun an wird es stetig wärmer und sonniger. Als erstes lerne ich den Kapitän kennen, der sich mit den Worten „Ich bin Lanzelot. Du darfst mich Lanz nennen.“ vorstellt. Läuft. Sympathischer Kollege, der sich später an Erics Drumset setzt, um darauf herumzujammen.



Hedi

 

Nach und nach trudeln die Leute von „Frau Hedis Tanzkaffee“, meine Mitvladis und diverse Bekannte ein. Wir bauen auf, freuen uns über die gut bestückte Bordbar und genießen einen entspannten Soundcheck. Was das wohl für ein seltsam klickendes Geräusch sein möge, welches zwischen den Songs zu vernehmen ist, frage ich mich. Die Antwort kommt bei einem Blick nach oben: Dort am Kai stehen zahlreiche Tourist_innen und knipsen begeistert eine ungeahnte Zusatzattraktion: 'ne Krachband mitten im Hamburger Hafen.

 

Auf der winzigen Hedi dürfen bei Konzerten 75 Leute mitfahren und wenn ich es richtig mitbekomme, haben 71 Nasen gezahlt, als wir ablegen. Doch halt! Normalerweise ballert die Hedi durch die Elbgewässer. Doch uns versperrt gerade ein riesiger Fucker den Weg: Es handelt sich um die QUEEN MARY, welche tatsächlich unzählige Schaulustige anlockt. Krankes Hobby irgendwie: Sich so Riesenschiffe anzugucken und bei deren Abfahrt/Ankunft zu klatschen. Ich muss ja nicht alles verstehen, aber Menschen sind schon seltsam. Aber anyway, warten wir halt noch, während DJ MetalMull die Gemeinde geil mit Punk, Hardcore und Metal beschallt.

 

Hedi

 

Endlich bekommen wir, was wir verdienen: Blumen! Ja, die Hedi ist wirklich schön gestylt und hat außen überall Blumenpötte hängen. Das feiern wir natürlich als erstes, als wir endlich losknattern können. Ein herrlicher, unvergleichlicher Moment ist das. Die Hedi verlässt die Landungsbrücken, die Sonne brennt auf unsere Köppe und wir ballern zeitgleich los. Es ist wirklich wie ein Film und man muss später danach Bilder sehen, um zu raffen, was man da gerade erlebt hat. Alle Anwesenden scheinen die Fahrt zu genießen – wohin man guckt, blickt man in grinsende und strahlende Gesichter. Nur den Hackfressen auf der QUEEN MARY, die plötzlich unheilvoll vor uns in den Himmel ragt, zeigen wir die Stinkefinger. Der spontan gefasste Plan, das Biest zu entern und das Buffet zu stehlen, stößt auf Wohlgefallen bei den Hedi-Tanzgästen, scheitert aber daran, dass alle ihre Enterhaken zu Hause gelassen haben. Was soll man zur musikalischen Seite sagen? Es ist eine zusätzliche Herausforderung, bei Wellengang zu zocken. Dat schaukelt so herrlich! Als Sänger hab ich da sicher noch die geringsten Schwierigkeiten. Aber die anderen meistern das super und auch der Sound kommt mir ziemlich gut vor. Ab und zu reicht man uns vom Tresen frische Getränke und auch ein Tablett Schnaps findet den Weg zu uns. Letzteres wird leider umgestoßen und die meisten Schnäpse sind futsch. Insgesamt muss ich sagen, dass sich so eine Bootsfahrt mit Konzert schwer in Worte fassen lässt. Ich kann das jedem nur empfehlen. Es ist wie ein Rausch und ein Gefühl von Freiheit, vermischt mit Hafengerüchen und Möwenkacke auf der Schulter.


Hedi

 

Gut gefällt mir auch, dass der Spaß nach unserem Auftritt noch lange nicht vorbei ist: DJ MULL legt kompetent auf, es wird getanzt, gesabbelt, Cocktails & Bier (mit Cocktailfähnchen drinne) fließen. Beim finalen Anlegen verabschieden sich alle beschwingt und wir hoffen, dass wir dat irgendwann nochmal machen dürfen! Danke, Hedi, Andrea, Crew, Mull, Lanz und alle Seeratten!

Hamburg, Gängeviertel - 14.05.2016

06.06.2016 von Philipp

Wir müssen diese Flagge verbrennen!

Nach einer herrlichen Nacht treffen wir uns guter Dinge am Proberaum wieder und genießen die gemeinsame Fahrt im Streckermobil – im Player röhrt das neue selbstbetitelte Album von FLOTSAM AND JETSAM, welches die Gruppenstimmung gar noch zu heben vermag. Im Gängeviertel angekommen freuen wir uns auf ein Wiedersehen mit Hamburger Punkern und WIRRSAL, mit denen wir mal 2011 ein furioses Konzert im Lübecker VeB hatten (ASIMATRIX trudeln später ein). Eigentlich wollte ich zur Entschuldigung, dass ich beim letzten Mal eine Discokugel von der Decke der Punkbar gehauen hatte (welche sich als liebevoll selbstgebastelt erwies), eine Art Kinder-Minidiscokugel überreichen, aber so ein Gerät ließ sich in Schleswig irgendwie nicht auftreiben. 

 

VRHN

 

Beim letzten Hamburger Vladi-Auftritt gab es unfassbar viele gleichzeitig stattfindende Konzis, dennoch war die Lobusch krass gefüllt. Heute ist die Ausgangslage ähnlich – in der Lobusch spielen OI POLLOI und irgendwo anders BABOON SHOW. Ob es trotzdem wieder voll wird? Schon früh lässt sich eine positive Tendenz erkennen: Bereits um 20.00 Uhr lümmeln sich die ersten Punkergrüppchen auf dem Boden herum oder betreiben vor der Punkbar Streetboozing. Hamburg halt, einfach geil! Sowieso super das Konzept in der Punkbar: Auf die Frage, wie viel es denn koste, kommt die Antwort: „Soviel du willst!“ und auch die Getränke werden auf freiwilliger Spendenbasis rausgegeben. Und das funktioniert. Am Ende bekommen wir korrekt Spritgeld, da haben wir bei ähnlich gut besuchten Veranstaltungen auch schon mal weniger gekriegt.

 

 

ASIMATRIX können dann bereits vor amtlich besetzter Hütte zocken und der Mob steigt voll ein auf den Pogo-Punk der Hambuger_innen. Die Band ist recht frisch am Start, hat noch keine Tonträger aufgenommen, besitzt aber bereits jetzt 'ne gewisse Ausstrahlung. Besonders der Sängerin kann man eine charismatische Bühnenpräsenz attestieren. Sie macht gar nicht so viel, besitzt aber Ausstrahlung und rotzt ihre Texte schön pöbelig raus. Vor der Bühne herrscht schnell Pogo-Alarm, am Tresen Gedrängel und vor den Toiletten bilden sich Schlangen.

 

 

Bereits 2009 hatten WIRRSAL Spaß gemacht und mittlerweile haben sie sich stark weiterentwickelt: Brachialpunk, serviert mit der groben Kelle. Ein Album gibt’s jetzt auch von ihnen –„Animos“ heißt et -  ich kann es euch nur empfehlen. Erfreulicherweise schließen sich WIRRSAL nicht dem „Trend“ an, Ironie-Texte zu schreiben, die über ein paar billige Lacher nicht hinausgehen. Ein gelungener ironischer Text kann natürlich geil sein, häufig aber verschwimmen bei bestimmten Bands die Inhalte, eine richtige Positionierung scheint manchmal bewusst vermieden zu werden. Nicht so bei WIRRSAL, da kotzt mensch sich explizit über alles aus, was ankotzenswert ist. So zum Beispiel: „Die Werte deines Lebens beschränken sich auf Gier und Geld. / Du bist Lobbyist, scheißt auf Demokratie in der Welt. / Du glaubst wohl, die ganze Welt dreht sich nur um dich, / doch lass dir von mir sagen, deine Feinde kriegen dich. / Ja, wir kriegen dich. / Voll auf die Fresse allen Millionären. / Voll auf die Fresse und ihren Bullenheeren. / Voll auf die Fresse bis zum letzten Tag. / Voll auf die Fresse, ich schaufel dir dein Scheißgrab.“ Macht richtig Laune, geiler Gig, ich will nochmal!

 

VRHN

 

Noch eine angenehme Seite der Punkbar: Hier ist das Konzert noch das Zentrum der Abend-/Nachtgestaltung, nicht lediglich das Intro für 'ne spätere Motto-Disco oder so. Noch bevor wir anfangen, schwappen mehrere Wogen Konzertbesucher_innen ein, die sich eben noch BABOON SHOW gegönnt haben. Die Fotos, welche übrigens Andy Fies gemacht hat (Danke), belegen es: Es geht richtig ab, vor der Bühne sieht das manchmal eher nach 'ner Prügelei aus als nach einem Tanzvergnügen. Das motiviert natürlich wiederum uns und aktiviert das vladiistische Potenzial bis zum Anschlag. Für die Leute, die OI POLLOI nicht sehen konnten, weil sie nicht mehr inne Lobusch gekommen sein mögen, versuchen wir uns an unseren besten Deek-Ansage-Imitationen: „Angela Merkel ist eine Wichersin! Sie kann uns im Arsch lecken.“ Oder „Wir müssen diese Flagge verbrennen!“ Mittendrin nehme ich eine Gruppe Männer wahr, die ich zunächst nicht ganz einordnen kann. Sie scheinen durchaus besonders enthuasiastisch zu sein, aber ich frage mich, ob sie vielleicht noch aggressiv werden könnten. Einer von ihnen möchte in einer Songpause mein Mikro haben und brüllt etwas Unverständliches hinein. Was war das jetzt? Doch hoffentlich nicht irgendeine nationalistische Parole? Erst im Nachhinein erfahre ich, dass es sich um syrische Flüchtlinge handelt, die zum ersten Mal auf einem Punkkonzert sind und wohl völlig begeistert von der Energie sind. Der eine war in Syrien ausgepeitscht worden, weil er Schnaps getrunken hatte. Wow, vor solchem Hintergrund erscheinen westdeutsche Probleme eher gering. Das ganze Konzert verläuft wie ein schweißtreibender Rausch, überall sind grinsende Gesichter zu sehen, selbst hinterm Tresen wird getanzt, alles geht viel zu schnell vorbei, obwohl wir noch ungeplante Songs ranhängen. Als Eric was am Schlagzeug flicken muss, stimmt Zarc „He Is“ (GHOST) an – kann man mal machen.

 

VRHN

 

Danach wird weitergefeiert, bis nur noch die Orgamenschen, ich und ein Typ, der auf einem Stuhl in der Ecke schläft, übrig sind. Der DJ gibt sich mit fiesen Songs Mühe, die Stimmung zu killen, erfolglos nartürlich…  Da das Streckermobil ohne Strecker unterwegs ist und somit nur bis Rendsburg fährt, kann ich auch gleich in Hamburg bleiben und die Gastfreundlichkeit des nebenan gelegenen Punker-Hostels genießen. Vielen Dank an Isa, die das Ding organisiert hat, an alle Beteiligten, u. a. Johanna von den unbedingt ancheckungswerten EAT THE BITCH, alle Besucher_innen, Max & WIRRSAL und ASIMATRIX!

 

VRHN

 

Fortsetzung folgt: Vladi auf Hafenrundfahrt mit der MS Hedi…

Schleswig, Zum Bärtigen Mann – 13.05.2016

02.06.2016 von Admin

Vlad with a mission

Generell spielen wir Vladis gern mal in ‘ner Kneipe. Schließlich fand unser zweiter Auftritt überhaupt in so einem Etablissement statt, der Palenke in Kiel. Den BÄRTIGEN MANN gibt es noch gar nicht so lange, eröffnet wurde das Ding erst letztes Jahr von Thore Josten (kennen viele vielleicht noch als Mädchen für alles bei REZET) und Andy von den geilen FILIBUSTERS. Mit dabei heute: MORBUS DOWN mit ihrem vorletzten Auftritt vor der Auflösung, Reunion, Wiederauflösung und so weiter.

 

VRHN

 

Ich war neulich schon im BÄRTIGEN MANN und kenne die Katakomben des steinernen Gemäuers daher bereits. Die Getränkekarte ist gut bestückt, der Raucherraum für Passivsuchtis der Himmel (also ohne Fenster und brutal dichtgequarzt), die Musikbox entfaltet Erfreuliches.

 

Ich war ja gespannt, was der Josten so kochen mag, vor allem für die vegetarische Abteilung. „Ich hab richtig geilen Salat am Start!“, wird uns verkündet. Zwar stammt das Zeug aus so einer Megaplastikpackung aus dem Großhandel, ist aber tatsächlich goutierbar. Man will ja auch nicht so vollgefressen sein vorm Auftritt.

 

VRHN

 

Früh soll es losgehen, denn die Schleswiger Anwohner_innen schätzen ihre Nachtruhe. So gibt es denn MORBUS DOWN bei brutaler Helligkeit vor den Latz. Zum Glück ist die Kneipe von Natur aus so düster, dass dat eh nicht weiter auffällt. Virtuosen wollen MORBUS DOWN auch ihre allerletzten Tage nicht mehr werden – da wird geknüppelt, geröchelt und gehobelt, dass die Späne nur so fliegen. Der neue Bassist Ron hat sich gut eingelebt und freut sich wie wir über Semmels Gekeife. Und über die Moves, die Semmel dabei macht! Das sieht so aus, als gehe er grad ausm Büro zum Kopierer, dabei eben etwas vor sich hinpöbelnd. Die Morbüsse schöpfen aus den Äonen ihrer Schaffenszeit. Ich bin gespannt, welcher Phönix sich da in naher Zukunft aus ihrer Asche erhebt. Letzte Show: 21. Juni in der Kieler Pumpe.

 

Wir finden: Hier müssen mehr Topfpflanzen in den Laden!  Unsere neuen Freunde seit Itzehoe und seit der Itzehoer Show mit RAM wissen wir auch: Die Welt braucht mehr Grünzeuch. Doch um Josten von dieser Mission zu überzeugen, dafür braucht es direct action. So klettern wir auf Tische, werfen uns auf den Boden, prügeln Tobi. Alles im Namen der guten Sache! Musik wird auch gespielt: Mittlerweile befinden sich alle vier Stücke der neuen EP in der Setlist. Und die Dinger flutschen recht gut. Besonders „Ticking Bomb Scenario“ und „My First Rifle“ bleiben bestimmt länger drin. Erfreulicherweise stoßen das SLIME-Cover und eine entsprechende Ansage gegen die Bereitschaft der bürgerlichen Mitte, rassistische Parteien und Bewegungen zu unterstützen, auf positive Resonanz (wir sind in Schleswig, das ist leider nicht so selbstverständlich). Hach, es wird ein herrlicher Abend, den mensch gar nicht so ohne Weiteres in schnöde Worte packen kann.

 

Fahrlässigerweise erteile ich Tobi die Autoriotät, mir einen Drink seiner Wahl zu holen. Er rächt sich für die davor erhaltenen Schläge mit einem 97%igen Absinsth, der mir fast das Hirn verkokelt. Das ist noch nicht vorbei!

 

VRHN

 

Danke an alle. Nächstes Szenario: Gängeviertel, Hamburg   

Verden, Bistro Kult – 05.03.2016

10.03.2016 von Philipp

Get naked faster!

Henrik hat nicht nur gestern einen klasse Sound in die T-Stube gezaubert, heute Morgen (na, eher Mittag) ist er auch für das Frühstück zuständig, über welches wir herfallen wie ein Schwarm Heuschrecken. Was von gestern bleibt: Vollgesaute Hütte, ertragbare Kopfschmerzen und eine kaputte Merchtruhe. In letztere ist ein alter Bekannter mehrfach und unhaltbar reingefallen und sein Betonschädel war härter als die Vladi-Plastikkiste.

 

Ich hoffe darauf, ein wenig Schlaf auf der Fahrt nach Verden nachzuholen, aber Andi ist in Sabbel- und mir dabei auf die Schulter-hauen-Laune, sodass mir nichts übrigbleibt als ächzenderweise zuzuhören, Bier zu trinken und ab und zu „Genau, Alter!“ zu krächzen. Aber wir entwickeln heiße Pläne für das später im Jahr stattfindende Jubiläumsfestival für „10 Jahre VLADIMIR HARKONNEN“. Wartet nur!

 

Killbite

 

Das heutige Konzi haben natürlich Ballo und die Totbeißer organisiert. Eigentlich sollte es im AZ Bazillus stattfinden, aber dort gibbet keine Heizung und wer hat Bock auf einen kalten Hintern? Das Bistro Kult ist nur bedingt für ein Punkkonzert geeignet, da es keine Bühne gibt und überall Tische und Sitzgelegenheiten einem gepflegten Pogo im Wege stehen. Dafür ist die Anlage mal richtig fett. In ohrenbetäubender Laustärke hören wir ANTHRAX‘ „Among The Living“. Boah, fast vergessen, wie GUT dieses Album ist!

 

Zwischen Soundgechecke, Essen abgreifen (hammerleckeres veganes Mahl mit Seitan und Kardubbels), Vinylshopping (ein Verdener Plattenladen hat Kisten bei) und Leute begrüßen verfliegt die Zeit nur so und schwuppdiwuppdi beginnen BLACK SACHBAK auch schon. Heute klingen die Israelis gleich noch einen ganzen Tick geiler! Was zum Teil an der krassen Anlage liegt, welche alle Bands heute knackiger erscheinen lässt. Die Gitarren brezeln mal so richtig! Und heute wird noch deutlicher, dass die neuen BLACK-SACHBAK-Stücke verdammt stark sind. Man darf auf der nächsten Platte wohl ‘ne Steigerung zum Debut erwarten.

 

Wir dürfen als zweite ran, was mir sehr zusagt. Da kann man nach dem eigenen Auftritt noch schön entspannt KILLBITE gucken. Der Laden ist gut besucht, wie eigentlich immer in Verden und Umgebung. Die Setlist fällt natürlich nicht so opulent aus wie gestern, wir wollen schließlich nicht übertreiben. Ich liebe ja Floorshows. Irgendwie kommt das meiner Vorstellung einer idealen Hardcore/Punk-Show nahe, wenn Band und Besucher_innen verschmelzen. Tobi und ich wetzen daher auch gleich durch den Mob. Ich mag auch das Sofa, welches gleich linkerhand steht. Da kann mensch draufspringen und wird so herrlich zurückgefedert… Wir zocken alle vier Stücke unserer kommenden EP. Was bin heiß auf dieses Stück Vinyl! Zum „Bonded By Blood“-Cover holen wir spontan Eliran ans Zweitmikro, der natürlich textsicherer ist als ich… Großartige Sache – wir kommen gerne wieder.

 

Flyer

 

Wuhu, KILLBITE schwingen heute die Abrissbirne! Das ist klar der beste Auftritt, denn ich bisher von ihnen gesehen habe. Die Songs walzen alles platt und knüppeln nicht nur geradeaus nach vorn. Die Band ist in bester Laune und darf es auch sein! Nicht nur wegen der gelungenen neuen Platte, nein, Ballo hat zudem für die anstehende Brasilien-Tour vom Land Niedersachen einen satten Zuschuss aus irgendwelchen Kulturkassen erwirken können. Geil, da zahlen die Punks nicht mal ihre Tickets selbst, ich find das herrlich!

 

Sehr liebevoll organisierter Abend, der in eine rauschende Nacht mündet. Danke auch an Soky für Unterbringung, Party nach der Party, Kaffee und Frühstück!

Rendsburg, T-Stube – 04.03.2016

08.03.2016 von Philipp

THRASH 'N' HASH

Zum vierten Mal touren unsere israelischen Freunde von BLACK SACHBAK nun bereits durch Europa bzw. Deutschland. Auf ihrer zweiten Tour haben wir zusammen mit ihnen im Hamburger Bambi Galore gespielt und auf den ersten Blick gewusst: Das ist nicht nur was für eine Nacht, da ist mehr.

 

Und es wurde mehr. Zum Beispiel das Album „No Pay No Gain“ auf Vinyl, releast vom umtriebigen Kieler Label Janml Records. Und weitere Konzerte auf der nächsten Tour, Kiel & Rotenburg, die gleich noch zerstörerischer verliefen. Für die diesjährige Tour konnten wir wieder zwei Biester an Land zerren, der heutige Auftritt in Rendsburg und für den Folgetag schön was in Verden, gierigerweise alles zusammen mit KILLBITE. Leider merke ich erst spät, dass an diesem Wochenende auch das HELL OVER HAMMABURG-Festival stattfindet. So sind wir gespannt, ob überhaupt wer kommen mag...

 

Thrash

 

Eine unerwartete Hürde stellen zunächst die Pennplätze dar. Nur die Zölck-Brothers wohnen in der Nähe, bei beiden geht es aber nicht. Wir müssen feststellen, dass es in Rendsburg im Gegensatz zu früher einfach keine Punker-WGs mehr gibt (die man kennt)! Aber Rettung kommt in Form einer Erlaubnis, in den Räumlichkeiten der Pfadfinder zu schlafen, welche sich direkt hinter der T unter demselben Dach befinden. Das ist nicht so selbstverständlich und eine absolute Ausnahme. Der Grund: Die Pfadfindermenschen dürfen irgendwie keinerlei Kontakt zu politischen oder explizit linksextremistischen Gruppierungen pflegen und als solche wird die T-Stubenkonzertgruppe offenbar gesehen (man weiß ja: Drei leere Flaschen Wein können schnell drei Mollis sein). Aber toll, dass das klappt.

 

Großes Hallo natürlich, als alle drei Bands, T-Stuben-Crew und sonstige Helfer*innen kurz nacheinander eintrudeln. Soundcheck und Aufbau sind schnell geschissen, es darf gefuttert, getrunken und Unsinn geredet werden. Eliran, Dor, Yuval und Noam sind noch ganz geflasht von Russland, wo es wohl tolle Konzerte, aber wenig zu essen und schon mal gar kein weed gab. Und Gras ist nun mal das Hauptnahrungsmittel von BLACK SACHBAK. Heute soll alles besser werden und die Sachbaks stellen einen Pott auf, in welchen Besucher*innen ihre Weed-Spende werfen sollen. Doch Rendsburger*innen haben offenbar mehr mit Russ*innen gemeinsam, als mensch denkt: Der Mexikaner wird in wenigen Stunden komplett weggezecht, die Biervorräte schrumpfen in Lichtgeschwindigkeit – aber besagter Pott bleibt leer.

 

Dafür füllt sich die T-Stube mit tollen Menschen. Mit so viel Besucher*innen hätten wir echt nicht gerechnet, es kommen mehr als bei unseren letzten beiden Gastspielen inner T! Punks, Kuttenträger und Skinheads verschmelzen zu einem feierwütigen Mob, der gleich zum Auftakt bei KILLBITE steilgeht. Da siehste glatt Leute, die sich beim Pogen und Bangen so 80er-Stylo-mäßig umarmen. Und angenehm viele abgerissene Mercedessterne hängen an ungewaschenen Hälsen, haha. Die Bremer Crustpunker haben sich aber auch super weiterentwickelt! Ich fand sie früher schon gut, aber noch nicht so eigenständig und abwechslungsreich wie mittlerweile. Durch groovige Parts gewinnt das Songwriting enorm an Gesicht. Und sie lassen sich nicht lumpen und zocken deutlich länger als bei früheren Shows. Amtlicher Walzomat.

 

Protest

 

Die kurze Sporthose sitzt – wer könnte sie besser tragen als Gewichtheber Eliran? Auch BLACK SACHBAK zeigen sich deutlich gesteigert. Neu an Bord ist Basser Yuval, dessen Sound und Spielweise super zur Band passt, denn er klingt old schooliger und knackiger als der frühere, sehr verzerrte Knarzsound. Neben den eigenen Songs (Kult: „Haircut I Never Got“) covern die Hunde doch glatt „True Survivor“. Höllisch. Erwähnt werden muss auch Dors Gitarrenspiel, was mich irgendwie an VOIVODs Piggy erinnert. Wieder mal ein klasse Gig.

 

Es entspinnt sich ein Auftritt, bei dem echt mal fast alles stimmt. Auf hohem Niveau gemeckert, könnte ich rumjammern, dass ich mich auf der Bühne kaum höre. Aber niemand mag Jammerlappen. Und zum Ausgleich gibt es schließlich so viele schöne Dinge. Zum Beispiel die Interaktion zwischen Band und Mob: Ich wage einen Bodenroller und plötzlich beginnen feiste Kuttenwämser auf mich draufzuspringen. Was liegt auch näher? Hossa, ich spüre einen ganzen Haufen Liebe auf meinen schmalen Schultern. Zeugen beschwören später, dass auch Andi sich noch bassspielenderweise auf den Berg geworfen habe, was ich aber erst im Nachhinein erfahre. Wir spielen heute ein Set in Springsteen-Länge. Ganze 17 Songs. Eigentlich sind einige der Stücke auf der Liste nur potenzielle Vorschläge, aber wenn man Bock hat, hat man Bock. Alex Killbite zitiert eine unserer Ansagen später wie folgt: „Alles geiert nach der Disco im Anschluss eines Konzerts. Womöglich hat danach auch noch der Penny in der Stadt auf, so früh muss alles beendet sein - ich find das scheiße! Ein Konzert sollte DER Hauptgrund eines gelungenen Abends sein!" Ansonsten müssen wir die besondere Aura des Rendsburger Publikums loben – woran es liegt, weiß irgendwie keine_r (das Trinkwasser? Pimmel-Malte?), aber hier ist es nun mal einfach ein ganzes Stück weit asozialer als woanders. Ach ja, schön auch, dass unser Ex-Gitarrist Nils heute dabei ist.

 

Die Party danach tobt bis in den frühen Morgen, wobei die Musikauswahl manchmal hart an der Grenze des Erträglichen ausfällt. Bei den Pfadfindern verläuft alles friedlich. Ich bin jedenfalls sicher, dass das Loch in der Wand vorher schon dort war.

 

Morgen: Verden. TBC…