DIARY

Belgien, Mans & Fougères, FELGER ROCK FESTIVAL in Centre culturel Juliette Drouet – 18.04./19.04.2014

22.04.2014 von Philipp

Yec'hed mad!

pic
Im Lande der Blinden ist der Einäugige König. Trotzdem irgendwie ein ungünstiger Zeitpunkt, ‘ne Kontaktlinse zu verlieren – nämlich in der Nacht vor einem Feiertag, bevor man dann auch noch ein paar Tage auf Tour fährt. Einäugig zocken oder mit Brille? Ich seh mich schon durchs Equipment stolpern oder bei der zweiten Möglichkeit auch noch meine Brille schrotten. Nun gut, vielleicht findet man unterwegs ja auch einen Optiker mit diesen Tageslinsen...

 

Um 10.00 Uhr brechen wir bereits auf. Die zehn Stündchen Fahrt bis Belgien vergehen bei guter Musik, einigen Getränken und der Lektüre neuer Fanzines und Bücher recht schnell. Um ca. 20.00 Uhr gucken wir mal nach ‘nem Hotel in der Stadt Mons, um auch mal gemeinsam was trinken zu können und so. Doch zunächst scheinen alle Hotels ausgebucht zu sein. Die nette Rezeptionistin eines von uns angesteuerten Hotels telefoniert fünf bis sechs Hotels ab. Schließlich hat sie Erfolg beim „Metropole“ oder so ähnlich. Wir fahren ein paar Mal sinnlos im Kreis herum, bis wir meinen, die richtige Ecke gefunden zu haben. Erst laufen wir jedoch in den falschen Laden.  Ebenso spontan wie geschäftstüchtig meint der dortige Besitzer: „I got two free rooms. Three beds, 60,- Euro each room. So 140,- Euro all in all“. Umme Ecke rennen wir dann fast am echten “Metropole” vorbei, obwohl Strecker den Namen samt Logo auf dem Boden sieht. Er sagt aber geilerweise nichts, weil der Rest so vehement überzeugt ist, dass dies noch nicht das „Metropole“ sein könne. Nu, nach dem Einchecken gönnen wir uns ein paar Getränke in ‘ner Pizzeria. Zufälligerweise trudelt kurz nach uns eine weitere Band aus Deutschland ein, die hier in der Nähe auf einem Festival spielt und danach erst nach Russland und dann nach China will.

Im „Metropole“ gibt’s noch ein paar sündhaft teure Absacker, dann muss aber echt mal gepennt werden. Das bleibt in meinen Fall eher Theorie – Strecker schnarcht, Andi furzt, ein „Hellboy“-Hörspiel läuft viel zu laut und durchs offene Fenster tönen immer wieder grölende Stimmen.

Auf das Wolter’sche Glück ist Verlass: Direkt neben dem Streckermobil ist ein Optiker und der Typ ist auch noch so cool, mir Tageslinsen mit der ungefähr richtigen Dioptrienzahl für lau mitzugeben. Volle Klarsicht wiederhergestellt.

Bis Fougères ist es aber noch weit. Obwohl wir um 09.00 Uhr losfahren, schaffen wir es nicht, die anvisierte Soundcheck-Zeit von 15.00 Uhr einzuhalten. Wir hätten es theoretisch gut packen können, aber drei Stunden Stop and Go halten uns auf. Die ständigen Maut-Stellen nerven auch.

Aber alles ist egal, als wir eintreffen und meganett empfangen werden. Wir treffen Leute von BURN AT ALL, Nico und Yannick von SUPPOSE IT’S WAR, Betty und Fabian von MASS PROD. Die Orga-Crew 8eme Avenue zählt ca. 20 Köpfe und hat das Festival vorbildlich organisiert. Ursprünglich hätte es in einer noch größeren Halle stattfinden sollen, deren Dach aber entweder einsturzgefährdet war oder tatsächlich eingestürzt ist (die Kommunikation ist nicht ganz einfach, da keiner von uns Französisch sprechen kann).  Ziemlich geil, dass die Crew dann so einen guten „Ersatz“ gefunden hat, von dem sie auch dermaßen begeistert sind, dass sie das Festival im nächsten Jahr wieder dort stattfinden lassen wollen. Die Halle bietet Platz für ca. 500 Leute, schätz ich mal. Es gibt aber noch viele zusätzliche Räume, ‘ne feiste Küche, in der wir lecker speisen (mehrere Gänge, alles da von vegan bis Fleisch, Auflauf, Nachtisch und hastenichgesehen), Backstageräume samt Schminkspiegel für jede Band… Extra für Andi holt die Crew sogar noch Schnaps aus ‘nem Supermarkt, während wir Soundcheck machen. Wir lernen, dass man in der Bretagne für „Prost“ das leicht klingonisch anmutende „Yec'hed mad!“ sagt.

LES VIEILLES MARGARITES fabrizieren sehr charismatisch gesungenen Chanson mit Punk-Attitüde und –Einschlag. Akustikklampfe, Quetsche und rauher Gesang treffen auf offenbar politische Texte. Die Halle füllt sich, wird gut voll und die Band kommt sehr gut an. Die Ansagen scheinen witzig zu sein – schade, dass ich von denen nichts verstehe.  

Draußen ist es jetzt auch nett, vor der Halle, aber im Festivalbereich steht ein Bierpilz samt Frittenschmied und überall flanieren nun Punkergrüppchen.

THE KONBINIS gefallen mir auch gut. Alle Bands sind heute stilistisch sehr unterschiedlich. Hier gibt’s flotten Punk mit Kontrabass (der Bassist spielt auch bei BANANE METALIK). Die Leute sind gut am Feiern.

Der Soundcheck versprach bereits beste klangliche Verhältnisse. Spannend ist es aber immer, wenn man 1300 km von zu Hause entfernt ist, wie die Leute auf einen reagieren. Ganz schnell füllt sich die Halle und meine positiven Erfahrungen aus BONEHOUSE-Zeiten wiederholen sich. „Irukandji“ wurde noch sie so abgefeiert und wird von einem Gänsehaut-mäßigen O-ho-ho-ho-Chor aus den Kehlen der Meute begleitet. Alter! Yec'hed mad! Stagediver hüpfen, Dinge fliegen, Bier spritzt, der Bodenroller fehlt nicht… Herrlich.

Die letzte Band, STYLNOX, verpasse ich, da ich mich komplett dem Merch widme. Gespräche werden mit Hand und Fuß geführt, wobei ich es dieses Mal einfacher finde als beim letzten Frankreich-Abstecher mit Bonehouse.

Danach geht es irgendwann zu SUPPOSE IT’S WAR-Schlagzeuger Yannick, in dessen Hütte wir nächtigen. Aber erst werden noch nächtliche Snacks serviert sowie literweise Bier, Wein und selbstgebrannter Schnaps kredenzt. Die Bude ist auch mal irre. Die Grundstruktur stammt von 1924, aber der Rest ist Eigenbau, zum Teil noch Baustelle. In zwei Wände hat ein Kumpel den BONEHOUSE-Schädel reingeflext, Yannick bastelt gerade an einem riesigen Tresen. Die Musikauswahl ist der Hammer, es laufen VALIENT THORR, TOXIC HOLOCAUST, ABATTOIR,,, Je später es wird, desto mehr Leute kommen irgendwie. Ein Typ kotzt unter den Tisch, andere pennen schon im Stehen ein…

Zurück