DIARY

BREAK THE SILENCE-Festival / Oldenburg, Alhambra – 23.05.2014

25.05.2014 von Philipp

NEVER SAY DIE

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Wie KANN das eigentlich sein, dass wir noch nie in Oldenburg gespielt haben? Und dass ich noch nie in diesem wunderbaren Alhambra war? Von der Größe her ist das Alhambra im Bereich der autonomen Zentren weit oben, spontan würde mir zumindest in Deutschland eigentlich nur die Köpi einfallen, welche größer ist. Und megagemütlich ist das Alhambra noch dazu! Überall kann man sich hinpflanzen und schnacken, pennen oder saufen, es gibt ein separates Gebäude, in welchem Bands und z.T. Besucher_innen schlafen können, draußen gibt’s antifaschistische Soli-Fritten, drinnen Bier, Platten und Cocktails, dazu vegane Döner zum Selberbasteln.

 

Man kommt aus dem Begrüßen gar nicht mehr raus, während EARTH CRUST DISPLACEMENT aus Berlin bereits losmörteln. Aber was heißt „bereits“ – im Grunde sind wir zwei Stunden später als ursprünglich erhofft vor Ort. Zum Glück hat sich auch der gesamte Ablauf bereits um mehrere Stunden verzögert, sodass wir alle Bands genießen können. Um es vorwegzunehmen: Insgesamt beenden CHAOS UK ihren Auftritt gegen 5.00 Uhr morgens statt gegen 0:15 Uhr, haha! Macht aber nichts, der wilde Mob zieht eh durch, bis der Morgen graut. Die Berliner spielen infernalisches Grindgebölze, was mir gut gefällt. Gegen Ende vielleicht etwas eintönig, aber Abwechslung ist ganz sicher auch nicht deren oberstes Ziel…

 

Auf KILLBITE hatte ich schon sehr gefreut, waren sie doch bei der BLAUEN GALA in Kiel und der BLAUEREN GALA in Rendsburg dabei. Außerdem trommelt hier bekanntlich Ballo, der die BLAUE PLATTE mit rausgehauen hat. Nach zehn Jahren Konzerten für und mit BREAK THE SILENCE will er nun sowohl mit Konzertveranstaltungen und Plattenveröffentlichungen aufhören. Hoffentlich hält er das nicht durch, haha! KILLBITE sind wieder herrlich derbe, geile Ansagen von Latex gegen Wutbürger-Spießer und ähnlich hassenswerte Dinge. Immer wieder gern!

 

Ich genieße zwischendurch u.a. mal die Klo-Bowle, welche direkt aus ‘ner Toilettenschüssel serviert wird. Eigentlich lecker, bis mir jemand zuflüstert, dass die doch sehr nach Klobonscher schmecke.

 

Mit EXILENT bleibt es heftig. Schön D-Beat/Crust aus Hannover. Irgendwie schon häufig von denen gelesen, die Band aber bisher noch nie zu sehen bekommen. Und sie werden eins meiner heutigen Highlights. Das knattert so herrlich nach vorne, die Texte scheinen auch gut zu sein. Erst später sehe ich, dass Sängerin Ini einen BONEHOUSE-Backpatch trägt, selbst gemacht aus ‘nem ollen T-Shirt. So was freut mich immer. Ihr derber Kreischgesang wird von Growls der Gitarrist_innen Lisa und Nico unterstützt, kommt extrem erbaulich rüber. Mittendrin treff ich Schmied von RED WITH ANGER, den ich ewig nicht gesehen habe. Große Freude!

 

Daher werden DISCO//OSLO auch eher nebenbei geguckt und hauptsächlich gesabbelt. Die Oldenburger gefallen mir aber dennoch und erinnern angenehm an PASCOW. Sie sind jedenfalls auch sehr treibend und haben ähnlich melodiösen Gesang und trotzdem noch Rotz drinne. Ordentlich voll ist es mittlerweile.

 

Warum ist es im vorderen Bereich eigentlich so dermaßen warm? Ich denke zunächst, dass dat wohl an den Lämpgen liegt. Doch irgendwie ist es schon unnormal heiß und das sind hier ja keine Scheinwerfer wie in ‘nem Rockstarklub. Später erfahre ich, dass wohl so eine Megaheizung nicht ausgeschaltet werden konnte, haha! Brüllt das Ding schön den Raum voll, obwohl es eh schon ein warmer Tag ist und die Hütte voll von schwitzenden, pogenden Menschen! Wir toben dennoch wie gewohnt durch unser Set und sind jetzt bestimmt durch den Flüssigkeitsverlust deutlich schlanker als vorher. Zum ersten Mal in der Playlist: „Black Metal Duckface“, womit wir jetzt jeden Song des neuen Albums live gespielt haben. Leider bekomme ich Folgendes nicht während des Auftritts mit: Ein Typ springt plötzlich Strecker original an die Gurgel und beginnt ihn zu würgen! Was ist passiert? Hat Strecker zu rabiat gepogt? Mitnichten, er hat lediglich auf Bitte von Zarc seine Kamera gezückt und ein paar Fotos von uns gemacht. Und der Typ denkt, dass Strecker ein Zivi-Bulle sei und fordert, dass Strecker ihm die Kamera aushändigen solle. Zum Glück gehen Leute dazwischen. Später attackiert offenbar derselbe Typ auch noch Svea mit ähnlichen Vorwürfen – und die hat nicht mal eine Kamera dabei… Doch es gibt im Mob auch nette Leute: Als ich verkünde, dass wir aufhören müssten, weil meine Frisur jetzt ruiniert sei, wird mir glatt eine Bürste raufgeworfen. Daher geht es weiter und wir hängen spontan „The Power Of Vlad“ ran. Geiles Ding, auch wenn ich nass bis auf die Zehen bin und Andi danach erst mal Sterne sieht. Die Leute sind insgesamt auch echt super drauf - mir fällt bei vielen Bands auf, dass der Pit erst zuguckt und dann immer mehr abgeht.

 

BAMBIX hab ich neulich gerade in Kiel gesehen. Die neue Besetzung gefällt mir richtig gut und auch heute tritt die Band mächtig Arsch. Das Trio hat aber auch ein paar eingängige Punksmasher am Start. Gitarristin/Sängerin Wick wirkt auf mich motivierter als noch vor ein paar Jahren. Ich kann nicht den ganzen Auftritt sehen, denn direkt nach dem eigenen Auftritt liegt der Schwerpunkt doch hart auf Feiern.

 

Jo, da isses dann auch schon amtlich spät, als CHAOS UK loslegen. Die Band bewegt sich selbst zwar jetzt nicht soo viel, was aber dafür das Publikum übernimmt. Stagediver, Knochenpogo, mittendrin ein Typ im Rolli = Spektakel. „Four Minute Warning“, „Cider“, „No Security“, „Wall Street Crash“ und „Police Story“ sind unter anderen Klassikern im Set, glaub ich, kann in Sachen Playlist aber auch nichts Verlässliches sagen. Auf jeden Fall knüppeln die Briten herrlich stumpf nach vorn, der Beat hat diesen typischen Groove und der Gesang klingt so, wie er klingen soll. Am Ende stürmt eine ganze Meute die Bühne und tanzt die Musiker um, die aber irgendwie weiterspielen.

 

Danach lässt ein DJ mit Punk-Classix die Plattenteller glühen und wir feiern, bis die Sonne bereits die Bodennebel vertreibt. Ich kann mich an folgenden Dialog erinnern: Schmied – „Wusstet ihr schon, dass der Kramer jetzt in der Kramerstraße wohnt?“ – Eric: „Der hat’s geschafft…“

 

Hart sind allerdings die Pennbedingungen. Ich mein, ist viel gemütlich und so. Aber da die Räumlichkeiten so viel Platz bieten, nehmen diesen eben auch viele Leute wahr. Und zwar zeitlich versetzt. Ein ständiges Kommen und Gehen, dazu der übliche Hintergrundlärm von Furzen, Schnarchen, Kotzen und Koitus. Naja, ich ramme mir irgendwann Ohrenstöpsel so tief in die Lauscher, wie es nur geht und finde ein wenig Schlaf.

 

Morgens bietet sich ein Bild der Verwüstung. Im Alhambra liegen wirklich ÜBERALL Punker – auf Bänken, Stühlen, im Laden, draußen vor dem Laden… Gleichzeitig fegt die BTS-Crew aber auch schon tapfer die Trümmer zusammen. Ein Nachbar ergänzt das idyllische Bild, in dem er mal eben die Hecke stutzt. Der erste Kassettenrekorder beginnt zu plärren, die ersten Kannen werden geöffnet, als ein Punk auf uns in der Sonne Lümmelnde zukommt und engagiert verkündet: „Da hinten ist ein AfD-Stand! Wollen wir hingehen und den zerstören?“ Er erhält allerdings lediglich ein gestöhntes: „Ächz. Vielleicht später?“ zur Antwort…

 

Jo, geile Sache. 10 Jahre BREAK THE SILENCE. Man kann Ballo ja verstehen, wenn ihm die Scheiße zu stressig wird. Aber hoffentlich revidiert der Gute seine Meinung in ein paar Jahren wieder… NEVER SAY DIE!

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