DIARY

Frankreich, Squat in Bovel bei Rennes – 20.04.2014

23.04.2014 von Philipp

On Fire!

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Unfasslich: Die Zölcks pennen bis fast 14.30 Uhr, obwohl zumindest Zarc recht früh zu Bett gegangen ist. Wir haben natürlich bereits vor Stunden gefrühstückt und geduscht und fragen uns langsam, ob die beiden nicht gar ENTschlafen sind. Jannick präsentiert selbst gefangene Fische und ein Kartoffelgratin für später. Die letzten Gäste verlassen den Ort der Party, als die Zölcks schließlich doch noch auftauchen…

Zunächst geht’s zum Proberaum von SUPPOSE IT’S WAR. Der liegt in einem schönen Komplex, in welchem auch ihr Video entstanden ist. Neben Proberäumen gibt es hier sogar eine Auftrittsmöglichkeit. Leider liegt Gitarrist Julien total in sauer und muss unter verbalen Ohrfeigen der anderen absagen.

Das MASS PROD-Office ist umgezogen, liegt zwar immer noch in Rennes, aber nun innerhalb eines riesigen modernen Gebäudekomplexes. Nach neun Jahren gibt es für mich ein Wiedersehen mit Vollzeitfreak Vince, der neben der zweiten VLADIMIR HARKONNEN-CD/LP früher bereits Platten von BONEHOUSE veröffentlicht hat (Vinyl-Version von „Onward To Mayhem“ und die franz. Version der „The Fuse Is Lit“-CD). Hals und Stirn sind mittlerweile restlos zutätowiert, die Haare richtig lang geworden und im Gesicht trägt er immer noch dasselbe strahlende Grinsen mit dem Funken Wahnsinn drinne. Das Büro von MASS PROD ist wie gesagt nur ein Teil des Komplexes. Es gibt dort Proberäume stundenweise zu mieten. 300 Bands nehmen das zur Zeit monatlich wahr! Ich denke zunächst, dass ich mich verhört habe, aber das Angebot ist gut: 40 Stunden kosten nur 20,- Euro, Schlagzeug und Gesangsanlage sind vorhanden, nach Bedarf auch mehr, am Tresen kannste Instrumente, Zubehör etc. kaufen oder leihen. Es gibt sogar einen richtigen Klub innerhalb des Gebäudes (so Treibsand-Größe). Das Ding ist nicht mal zu steril, da könnte man theoretisch echt mal zocken. Nur hat gerade der Klub eine lange Anmeldefrist. Vince und ein Mass-Prod-Mitarbeiter servieren selbst gemachte Pizza und Drinks, welche ordentlich ballern. Wir sabbeln endlos und planen fürs nächste Jahr mehr Frankreich-Dates.

Dann geht es ab zum Squat in Bovel, welches mitten im Nirgendwo liegt – und dann noch ein wenig nach Süden. Ich fahr bei Vince mit und wir plaudern noch weiter. Die urspünglich anvisierte Show ist der Wut der Bullen und des Bürgermeisters zum Opfer gefallen, daher heute das illegale Geheimkonzi im Wald.

Der Squat ist wahrlich mitten in der Natur gelegen. Bauwagen, Wohnwagen, mehrere selbst gezimmerte Gebäude umgeben eine alte Mansion (Herrenhaus), die besetzt ist. Zwei der Häuser gehören der ca. 30-köpfigen Association an, die dafür zusammengeschmissen haben. Viele Details sind liebevoll selbst konstruiert worden. Die Toilette befindet sich z.B. in einer Art Hochsitz, in dessen Plattform sich halt das Loch zum Durchscheißen befindet. Dazu Klopapier und Sägemehl zum Drüberschütten… Den Soundmenschen kenne ich tatsächlich von einem gemeinsamen Auftritt auf einem Boot (Seine, Paris). Vor Jahren ist er weggezogen, um hier zu leben. Die Association besteht seit 5, 6 Jahren. Er hat auch z.B. auf der Fusion an Installationen gearbeitet und erzählt mir interessante Details, so war er ca. einen Monat vor Beginn des eigentlichen Festivals dort, wobei Material und Reisekosten von der Fusion-Orga bezahlt werden.

GUNS’N’GÄNSEBLÜMCHEN entpuppen sich als Duo, dessen Schlagzeugerin aus Göttingen stammt und dessen Gitarrist gleichzeitig die One-Man-Disco BRÖTCHEN DES TODES verkörpert.

Ein Wohnwagen wird vor das Zockhäuschen geschoben, aus dem Snacks verkauft werden (vegane Flöten), alles wird mit Lichterketten dekoriert. Magnifique! In der Residenz, in der auch unsere Pennplätze liegen (eine Schwindel erregend steile Treppe ohne Geländer hinauf) wird aber erst mal ‘ne massive Fressorgie eingelegt. Die Fische werden von fast allen gelobt und der Wein fließt in Strömen.

GUNS’N’GÄNSEBLÜMCHEN sind echt ma interessant. Der Typ setzt irgendwie Bass-Fundament und Gitarren-Melodien zugleich, während sie singt und konzentriert trommelt. Ein botanisch blümeranter Stil.

Nun bin ich ja gespannt, schließlich bezeichnen SUPPOSE IT’S WAR die BONEHOUSE-LP „Onward To Mayhem“ als ihren Haupteinfluss und covern auf der Debut-Scheibe gar „This Means Nothing“. Trotz nur einer Gitarre ist der Auftritt ein Burner!  Schnell, geile Gitarre, fieser Gesang – das peitscht und peinigt. Und am Ende kommt natürlich „This Means Nothing“, welches ich als Gastsänger schmettern soll. Ich bin nervös, ob das nach acht Jahren noch sitzt, da ich es auch lange nicht mehr gehört habe. Klappt aber super und macht mega Bock. Merci!

Jetzt erkunde ich auch mal den Hochsitz. Nur ist es mittlerweile stockdunkel und das Ding ist nicht beleuchtet. Ganz schön aufregend, seinen Arsch im Dunkeln über den gähnenden Schlund zu schieben...

Das BRÖTCHEN DES TODES erweist sich als anstrengender Brumm-Kram. Der Kerl bedient ‘nen Keyboard und stöhnt ab und zu ins Mikro. Erinnert irgendwie an die Sounds aus dem Film „2001“ in der Szene, in der die Primaten diese Monolithen anglotzen. Hm, Andi sieht in diesem Moment irgendwie genauso aus wie einer dieser Primaten…

Endlich Vladi-time, ist ja auch schon 02.00 Uhr oder so. Aber hier steht die Zeit eh still. Viele Freaks von gestern sind da. Wir toben durchs Set, das fluffig sitzt. Bodenroller, Kopfnüsse, sinnlose Ansagen auf (Pseudo-)Französisch, Bierfontänen – eine riesige Freude ist das hier. Immer wieder seh ich Vince im Pit breit grinsen. Heute gibt es ‘ne längere Playlist, die wieder unsere Cover „Bonded By Vlad“ und „The Power Of Vlad“ umfasst. Sehr beliebt sind wieder „Irukandji“, „Roadkill BBQ“, „Reign In Vlad“, „Perfect Storm“ und „Frontex Fuckers“. Ein Crowdsurfer lässt Deckenbelag auf uns rieseln, die SUPPOSE-IT’S-WAR-Bande ist eh konstant in vordersten Bereichen dabei. Uuh, c’est bon, c’est bon!

Danach wirft das BRÖTCHEN DES TODES zu unserem Entsetzen nochmal seine Orgel an und brummt alles in Grund und Boden. Das klingt jetzt eher wie kämpfende Wale oder der Sound sterbender Galaxien. Ohrenbetäubend laut, dass es mir echt das Hirn verschmort.

Irgendwann sitzen wir aber glücklich, durchgeschwitzt und betrunken in der Residence und feiern mit den Französ_innen. Aber nicht zu doll, schließlich wollen morgen 1400 km zurückgelegt werden, was übrigens überraschend reibungslos verlaufen soll.

France, wir kommen wieder! Als besser französisch sprechende Vladis!

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