DIARY

Hamburg, Gängeviertel - 14.05.2016

06.06.2016 von Philipp

Wir müssen diese Flagge verbrennen!

Nach einer herrlichen Nacht treffen wir uns guter Dinge am Proberaum wieder und genießen die gemeinsame Fahrt im Streckermobil – im Player röhrt das neue selbstbetitelte Album von FLOTSAM AND JETSAM, welches die Gruppenstimmung gar noch zu heben vermag. Im Gängeviertel angekommen freuen wir uns auf ein Wiedersehen mit Hamburger Punkern und WIRRSAL, mit denen wir mal 2011 ein furioses Konzert im Lübecker VeB hatten (ASIMATRIX trudeln später ein). Eigentlich wollte ich zur Entschuldigung, dass ich beim letzten Mal eine Discokugel von der Decke der Punkbar gehauen hatte (welche sich als liebevoll selbstgebastelt erwies), eine Art Kinder-Minidiscokugel überreichen, aber so ein Gerät ließ sich in Schleswig irgendwie nicht auftreiben. 

 

VRHN

 

Beim letzten Hamburger Vladi-Auftritt gab es unfassbar viele gleichzeitig stattfindende Konzis, dennoch war die Lobusch krass gefüllt. Heute ist die Ausgangslage ähnlich – in der Lobusch spielen OI POLLOI und irgendwo anders BABOON SHOW. Ob es trotzdem wieder voll wird? Schon früh lässt sich eine positive Tendenz erkennen: Bereits um 20.00 Uhr lümmeln sich die ersten Punkergrüppchen auf dem Boden herum oder betreiben vor der Punkbar Streetboozing. Hamburg halt, einfach geil! Sowieso super das Konzept in der Punkbar: Auf die Frage, wie viel es denn koste, kommt die Antwort: „Soviel du willst!“ und auch die Getränke werden auf freiwilliger Spendenbasis rausgegeben. Und das funktioniert. Am Ende bekommen wir korrekt Spritgeld, da haben wir bei ähnlich gut besuchten Veranstaltungen auch schon mal weniger gekriegt.

 

 

ASIMATRIX können dann bereits vor amtlich besetzter Hütte zocken und der Mob steigt voll ein auf den Pogo-Punk der Hambuger_innen. Die Band ist recht frisch am Start, hat noch keine Tonträger aufgenommen, besitzt aber bereits jetzt 'ne gewisse Ausstrahlung. Besonders der Sängerin kann man eine charismatische Bühnenpräsenz attestieren. Sie macht gar nicht so viel, besitzt aber Ausstrahlung und rotzt ihre Texte schön pöbelig raus. Vor der Bühne herrscht schnell Pogo-Alarm, am Tresen Gedrängel und vor den Toiletten bilden sich Schlangen.

 

 

Bereits 2009 hatten WIRRSAL Spaß gemacht und mittlerweile haben sie sich stark weiterentwickelt: Brachialpunk, serviert mit der groben Kelle. Ein Album gibt’s jetzt auch von ihnen –„Animos“ heißt et -  ich kann es euch nur empfehlen. Erfreulicherweise schließen sich WIRRSAL nicht dem „Trend“ an, Ironie-Texte zu schreiben, die über ein paar billige Lacher nicht hinausgehen. Ein gelungener ironischer Text kann natürlich geil sein, häufig aber verschwimmen bei bestimmten Bands die Inhalte, eine richtige Positionierung scheint manchmal bewusst vermieden zu werden. Nicht so bei WIRRSAL, da kotzt mensch sich explizit über alles aus, was ankotzenswert ist. So zum Beispiel: „Die Werte deines Lebens beschränken sich auf Gier und Geld. / Du bist Lobbyist, scheißt auf Demokratie in der Welt. / Du glaubst wohl, die ganze Welt dreht sich nur um dich, / doch lass dir von mir sagen, deine Feinde kriegen dich. / Ja, wir kriegen dich. / Voll auf die Fresse allen Millionären. / Voll auf die Fresse und ihren Bullenheeren. / Voll auf die Fresse bis zum letzten Tag. / Voll auf die Fresse, ich schaufel dir dein Scheißgrab.“ Macht richtig Laune, geiler Gig, ich will nochmal!

 

VRHN

 

Noch eine angenehme Seite der Punkbar: Hier ist das Konzert noch das Zentrum der Abend-/Nachtgestaltung, nicht lediglich das Intro für 'ne spätere Motto-Disco oder so. Noch bevor wir anfangen, schwappen mehrere Wogen Konzertbesucher_innen ein, die sich eben noch BABOON SHOW gegönnt haben. Die Fotos, welche übrigens Andy Fies gemacht hat (Danke), belegen es: Es geht richtig ab, vor der Bühne sieht das manchmal eher nach 'ner Prügelei aus als nach einem Tanzvergnügen. Das motiviert natürlich wiederum uns und aktiviert das vladiistische Potenzial bis zum Anschlag. Für die Leute, die OI POLLOI nicht sehen konnten, weil sie nicht mehr inne Lobusch gekommen sein mögen, versuchen wir uns an unseren besten Deek-Ansage-Imitationen: „Angela Merkel ist eine Wichersin! Sie kann uns im Arsch lecken.“ Oder „Wir müssen diese Flagge verbrennen!“ Mittendrin nehme ich eine Gruppe Männer wahr, die ich zunächst nicht ganz einordnen kann. Sie scheinen durchaus besonders enthuasiastisch zu sein, aber ich frage mich, ob sie vielleicht noch aggressiv werden könnten. Einer von ihnen möchte in einer Songpause mein Mikro haben und brüllt etwas Unverständliches hinein. Was war das jetzt? Doch hoffentlich nicht irgendeine nationalistische Parole? Erst im Nachhinein erfahre ich, dass es sich um syrische Flüchtlinge handelt, die zum ersten Mal auf einem Punkkonzert sind und wohl völlig begeistert von der Energie sind. Der eine war in Syrien ausgepeitscht worden, weil er Schnaps getrunken hatte. Wow, vor solchem Hintergrund erscheinen westdeutsche Probleme eher gering. Das ganze Konzert verläuft wie ein schweißtreibender Rausch, überall sind grinsende Gesichter zu sehen, selbst hinterm Tresen wird getanzt, alles geht viel zu schnell vorbei, obwohl wir noch ungeplante Songs ranhängen. Als Eric was am Schlagzeug flicken muss, stimmt Zarc „He Is“ (GHOST) an – kann man mal machen.

 

VRHN

 

Danach wird weitergefeiert, bis nur noch die Orgamenschen, ich und ein Typ, der auf einem Stuhl in der Ecke schläft, übrig sind. Der DJ gibt sich mit fiesen Songs Mühe, die Stimmung zu killen, erfolglos nartürlich…  Da das Streckermobil ohne Strecker unterwegs ist und somit nur bis Rendsburg fährt, kann ich auch gleich in Hamburg bleiben und die Gastfreundlichkeit des nebenan gelegenen Punker-Hostels genießen. Vielen Dank an Isa, die das Ding organisiert hat, an alle Beteiligten, u. a. Johanna von den unbedingt ancheckungswerten EAT THE BITCH, alle Besucher_innen, Max & WIRRSAL und ASIMATRIX!

 

VRHN

 

Fortsetzung folgt: Vladi auf Hafenrundfahrt mit der MS Hedi…

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