DIARY

Hamburg, Lobusch – 28.11.2015

02.12.2015 von Philipp

Weniger Zukunft, mehr Pank!

Ein Double-Date passiert jeder Konzertgruppe mal. Sogar im kleinen Kiel-Loch finden manchmal drei lohnenswerte Konzies an einem Samstach statt. Aber der heutige Termin ist dann doch außergewöhnlich: Ca. 20 Veranstaltungen tummeln sich heute im weiteren Umfeld des Rock'n'Roll/Punk allein in Hamburg, darunter Sachen in der Roten Flora, im Gängeviertel, im Hafenklang, im Störte (Geröll + Oiro + Duesenjaeger ), im Menschenzoo (Kannibal Krach + Mann kackt sich in die Hose), der Fabrik (The Adicts + Topper ), der Markthalle (25 Folgen "4Hochzeiten1Reise" – Yacopsae + Razzia + Razors + Restmensch + Holy Moses + Blood + Cripple Bastards...) und natürlich ganz zu schweigen von MOTÖRHEAD, deren Konzert aber letztlich verlegt wird. Erste-Welt-Probleme... 

 

Chaos aber auch bei den Vladis: Streckermobil UND Strecker himself befinden sich in Reparatur (Bremsen und Schlüsselbein). Da merkt mensch gleich, um wie viel komplizierter die Logistik wird, wenn kein Bandbus zur Verfügung steht. Letztlich entscheiden wir uns, in verschiedenen Gruppen anzureisen, da ich eh mit dem Zug erst nach Rendsburg hätte fahren müssen und auch keine Rückfahrmöglichkeit nach Kiel gehabt hätte. Da kann ich auch gleich komplett mit der Bahn fahren. Michelle hat Bock, mitzukommen und als Roadie mein Mikro zu tragen. Tough job. Super. Auch spannend: Die Gute hat seit einigen Wochen einen Mitbewohner aus Syrien, der natürlich noch nie ein Punkkonzert gesehen hat. Ali heißter, Supertyp und heute spontan dabei. Und dann werden wir gar zum Quartett, da Anna, die ursprünglich Lemmy beim Sterben zusehen wollte, auch noch aufspringt.

 

Flyer

 

So verläuft die Anfahrt in bester Laune und ich vergesse fast, dass ich auf ein eigenes Konzert fahre. In Altona gleich großes Hallo und Aufeinandertreffen der verschiedenen Vladi-Reisegruppen sowie mit Veranstalter Floyd, den Bands GRIMNEX (Braunschweig) und HEADSHOX (Bremen) und den Lobuschpunks. Ali fühlt sich zwischen Krusten, Nietenpunks und der kreativen Deko der Lobusch (Fenster mit zusammengeschweißten Fahrradteilen verbarrikadiert, damit Faschos keine Mollis reinwerfen können; überall Metallinstallationen, die Monster, Mumien und Mutanten darstellen; Restfläche mit Plakaten der letzten Jahrzehnte vollgeklatscht) sichtlich wohl. Sind ja auch alle nett hier. Nur was ist das für eine fürchterliche Musik? Der HSV hat wohl gewonnen und die Tresencrew findet, dass man deswegen so eine fürchterliche HSV-CD mit komischem Sprechgesang hören müsse. Ist das dieses HipHop? Lieber schnell rüber zum Pigsmoker, der sich mit dem Catering mal wieder selbst übertroffen hat. Es gibt Pilzschmonk, Sellerieschnitzel, Kartoffelspalten, Auberginengelöt – alles mit viel Liebe und Knoblauch zubereitet. Und so viel, dass nicht nur alle Bands, Michelle, Anna und Ali satt werden, sondern später noch mehrere Bleche in die Lobusch gestellt werden können. Und natürlich erzählt der Pigsmoker mehrere Anekdoten aus seinem Leben.

 

Was ist das? Schon früh strömen erste Besucher*innen in den geliebten Schuppen. Noch während HEADSHOX am Sound rumdrehen, füllt sich die Lobusch – und wird später proppevoll! Das hätten wir angesichts der oben geschilderten Ausgangslage echt nicht erwartet. Wir freuen uns über viele Freund*innen und Bekannte, z.B. über Flupp, der unsere kommende EP mitreleasen wird; Isa, welche die VLADI-Plugs hergestellt hat; CHIPKO-Johannes, den Bastler der Kassettenversion vom blauen Album oder dem Hamburger Mob um Fred, Joni & Co. Ich liebe es, wenn es mal nicht alles so überpünktlich beginnt und auch nicht so früh beendet ist. Mittlerweile fangen ja so viele Punkkonzerte derart pünktlich an, dass du danach noch bei Penny einkaufen gehen kannst. Nicht so inner Lobusch! HEADSHOX ham die Ruhe weg und hängen nach ihrem Soundcheck erst mal 'ne Stunde ab, bevor sie losböllern. Stört keine*n. Mich freut es ja schon, dass Kasi von IN IRATUS bei den Bremer*innen Klampfe spielt. Kann also nur infernalischer Krach sein. Oder „Aufs-Maul-Punk“, wie der Flyer ankündigt. Stimmt irgendwie beides. Der Drummer bolzt gnadenlos in einem Tempo und einem Ufta-Ufta-Beat durch, die Instrumente schreddern und das Gesangsduo Filze & Kante kündet von tiefen Gefühlen - Wut und Hass zum Beispiel.

 

Noch mehr Zug besitzt die zweite Band mit einem X im Namen. Straight Edge sind übrigens beide nicht. Glaub ich… GRIMNEX haben ebenfalls Wechselgesang am Start, den gleich zwei Extra-Sänger*innen besorgen (Atze und Anne). Rabiater Punk mit einem gewissen krustigen Faktor. Treibt gut nach vorne und würde auch super zu MÖRDER passen. Gefällt mir sehr!

 

Mittlerweile ist es amtlich spät geworden. Aber wird es deshalb leerer? Fuck, im Gegenteil! Einige der oben erwähnten Konzis sind bereits vorbei und von dort strömen weitere Gestalten inne Lobusch. Wir sind so richtig motiviert und legen los wie die Feuerwehr. Ein Typ kommt danach mit blutender Stirn begeistert zu mir und äußert Positives. „Alter, was hast du denn gemacht?“, erkundige ich mich besorgt. „Äh, das warst DU! Hast mir voll das Mikro vor den Latz gehauen. Is aber egal, fand ich gut!“ Boah, mir tut das aber Leid. Also sorry, falls du das hier liest! Aber es spiegelt den Gig gut wieder. Wie im Blutrausch prügeln wir unser Set runter und vor der Bühne wabert, wogt und pogt der Mob textsicher durch die Hütte. Ich trete Andi aus Versehen auf die Hühneraugen, er mir daraufhin mit Absicht in den Arsch, sodass ich ungewollt stagedive. Gefällt mir aber so gut, dass ich es später gezielt noch mal selbst mache. Zarc hat derweil hart zu kämpfen, weil mit zunehmender Spieldauer immer mehr Bierpullen auf die Bühne gestellt werden, die natürlich umfallen und alles überfluten. Dazu trampele ich ihm mehrfach in die Tretmiene und reiße da irgendwelche Kabel raus, was ihn zusätzlich fordert. Witzigerweise ist der Sound richtig geil, wir hören uns perfekt und auch nach vorne böllert’s wohl gut. Zum Abschluss gibt’s noch „Schweineherbst“, was gefühlt alle mitbrüllen.

 

Irgendwann müssen wir uns von allen verabschieden. Eigentlich will die Kieler Fraktion noch ins Onkel Otto zur Aftershow Party, aber es ist schon ohne diesen Abstecher so spät, dass wir noch gerade unseren 3:40 Uhr-Zug erwischen. Ich wickele mir wie immer nach einem Auftritt ein Handtuch um die Matte, weil Bierdusche, Schweiß und Kälte keine optimale Kombi sind. Trage also einen pinkfarbenen Handtuch-Turban auf der Rübe, den ich nach dem Konzert aus Faulheit oder Vergesslichkeit drauflasse. Darüber regt sich ein Mitfahrender in der S-Bahn regelrecht auf. Der Typ ist ein adrett gekleideter Schwarzer, der mich aggressiv bis hysterisch fragt „Why are you wearing a towel on your head?“ Das sehe voll scheiße aus, außerdem sei ich ja wohl keine 20 mehr (er selbst trage übrigens „barcelona chic“ oder so ein Kack). Michelle hingegen verteidigt mein Accessoire als höchst modisch und prophezeit, dass der Typ sich nicht wundern solle, wenn die S-Bahn in zwei Wochen vor lauter pinken Turbanen erstrahle! Yeah, ich = Trendsetter...

 

Aber anyway, wir freuen uns schon aufs nächste Mal inner Lobusch! Dank an Floyd für die Einladung! Und natürlich an alle anderen Beteiligten, GRIMNEX, HEADSHOX und alle Besucher*innen!

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