DIARY

Hamburg, Veddel – 14.02.2014

19.02.2014 von Philipp

LAMPEDUSA-SOLI-FESTIVAL

pic

Der Aufruf zu dieser Soli-Veranstaltung lautete wie folgt: „Solidarität mit der Gruppe Lampedusa in Hamburg.


Ein neues Jahr ist angebrochen und die Mitglieder der Gruppe 'Lampedusa in Hamburg' schlafen mittlerweile an über 30 unterschiedlichen Standorten über die gesamte Stadt verteilt. Ihre aufenthaltsrechtliche Situation ist nach wie vor ungeklärt. Um weiterhin an gemeinsamen politischen Aktivitäten teilzuhaben und die Essensausgabe erreichen zu können, ist die Gruppe dringend auf HVV-Tickets angewiesen.

Der gesamte Erlös dieser Veranstaltung wird für Fahrkarten wie auch für Lebensmittel, Kleidung und alle anderen notwendigen Dinge an die Gruppe gespendet!

Weitere Infos zum Thema:
http://lampedusa-hamburg.info/

Spendenaufruf als Video:
http://vimeo.com/80537323

 

Keine Frage, dass wir auf die Einladung von Golle sofort zusagten. Der Bock war außerdem groß, da wir noch nie auf der Veddel gespielt hatten und vieles Gute gehört hatten. Außerdem locken UPPER CRUST (und deren neue Pladde), ROBINSON KRAUSE, HEIMATGLÜCK, die mir noch unbekannten BRAINDEAD sowie 'ne Überraschungsband.

 

Wie konnte es sein, dass ich trotz infernalischen Flyerbombardements (Elb-Tsunami, Heavy Metal auffer Veddel etc.) noch nie den Weg zu diesem abartig geilen Ort gefunden hatte? Ein Rätsel, welches ich wohl nie lösen werde. Jedenfalls isses auf der Veddel saugemütlich, man fühlt sich mitten in Hamburg wie auf dem Dorf, überall um die Halle herum, in welcher die Bands zocken sollen, befinden sich Sitzgelegenheiten. Das Biest ist verdammt groß, 500 Leute würden locker reinpassen, wird mir gesagt.

 

Und ich nehm es vorweg: Die kommen auch! Sogar noch mehr. Immer wieder versetzen die Veranstalter_innen die Zäune weiter nach außen, um mehr Platz zu schaffen, aber irgendwann droht es zu drängelig zu werden, also werden die Tore geschlossen. Der Eintritt basiert auf Spendenbasis, hoffentlich ist gut was reingekommen!

 

Am Merchstand wird es etwas eng, da auch noch ein DJ dort Platz finden muss. Aber irgendwie schaffen wir es, in einer Ecke den Kram von sechs Bands, zwei Plattenspieler, diverse Plattenkisten, politische Literatur und Nieten, Buttons etc. ohne Ende unterzubringen.

 

Es strömen Bekannte in Scharen herein, der Abend wäre auch ohne eigene Zockung ein Gewinn. Die Überraschungsband legt los, ich bekomme leider den Namen nicht mit. Manche sagen, es seien Berliner, andere Franzosen und wieder andere sind überzeugt, dass es sich um Russen handele. Vielleicht ja alles zusammen? Ist doch auch völlig egal. Die Musik erinnert sehr an DEAD KENNEDYS, sowohl vom Gesang her als auch gitarrentechnisch. Sehr rumpelige DK, charmant vorgetragen außerdem.

 

Von HEIMATGLÜCK hatte ich länger nichts gehört, ich mag den Mix aus Pop, Punk und Schraddel Disco ja ganz gerne. Die Hütte ist auch erwartetermaßen knüppelvoll. Die Stimmung hätte noch ein bisschen geiler sein können, da die Band doch etwas introvertiert wirkt und zwischen den Stücken längere Pausen gemacht werden, in denen keine_r was erzählt. Andererseits drauf geschissen, das ist Punk hier und wer keinen Bock darauf hat, zu animieren, der soll et sein lassen und einfach die Musik sprechen lassen.

 

UPPER CRUST! Was hab ich Bock auf die Hackfressen und ihre neue Platte. Zum Release-Gig auffem Gaussplatz konnte ich neulich leider nicht kommen. Dafür ernte ich den „Virus“ noch vorm Auftritt ab und ein T-Shirt muss ebenfalls sein, denn das Motiv – ein abgefuckter Punk-Yoda mit Stinkefinger – ist zu und zu geil. Es gibt dazu passend sogar einen Song mit dem Titel „Mosh The Yedi!“. Der Text ist so herrlich infantil: „Mosh The Yedi, schlag ihn tot / Tritt ihm in den Arsch, bei Yoda seh ich rot / Kommt Obi Wan Kenobi mit seinem Kumpel Gerd / Klau ihm die Batterien von seinem Laserschwert. / Packt dich Chewbacca mit seiner Riesenhand / Schnapp dir deinen Rasierer, mach ihm die Eier blank!“ Ja, was ist das geil! PUNK BLEIBEN DU MUSST! Die drei Flegel watschen dann auch allen gehörig eine rein und hinterlassen glühende Trommelfelle. HC/Punk, D-Beat/Crust und Thrash in herrlichster Amalgamierung.

 

Eigentlich sollten wir später spielen, aber da Zarcs Tochter und Frau krank darniederliegen, es bereits 24.00 Uhr ist und Zarc nicht so megaspät nach Hause brettern will, tauschen BRAINDEAD netterweise. Und aaaab! Vor der Bühne ein einziger Pit aus geballten Fäusten und aufgerissenen Mäulern. Haben die alle Hunger? Wollen die gefüttert werden? Könnense haben – mit unserem Rock! Die Bühne, ja die ganze Halle (so kommt es mir vor) wird allerdings mit Nebel zugepustet, bis der Arzt kommt (und sich verläuft). Dazu flackert ein Stroboskop, dass mir ganz wackelig in den Knien wird. Auch wüste Drohungen an den Menschen, der hier den Finger derart nachlässig am Abzug hat, bringen nichts und so trotzen wir halt dem Gewitter. Unser Set ähnelt dem der Releasegigs, ist aber angesichts der Menge an Bands natürlich gekürzt und schön knackig. Da gibt es von „Reign In Vlad“ bis „The Power Of Vlad“ keine Verschnaufpause und so verlassen wir durchgeschwitzt bis auf die Socken und glücklich die Bühne. Derbe geil!

 

BRAINDEAD hatte ich aufgrund ihrer Plattenartworks und ihres Namens in eine derbere Ecke gestopft. Tatsächlich ist ihr Stil aber eher entspannter Reaggae/Skapunk. Eignet sich für mich aber gut zum Runterfahren und Ausdünsten. Nette Leute sind das allemal, bei einem der Bandmitglieder (aufgrund des immer noch herrschenden Nebels kann ich nicht ausmachen, welches Instrument er bedient…) hab ich heute in der Distro endlich die zweite SCHEISSE MINELLI als Vinyl gefunden, nach der ich lange gesucht hatte.

 

Die KRAUSEs darf man echt nicht als letzte Band spielen lassen… Außer man will genau das evozieren, was nun passiert… Eigentlich fängt alles ganz harmlos an, aber dann ordert Robin Schnaps zur Bühne. Gereicht werden gleich ganze Wodkaflaschen und so nimmt ein pogoanarchistisches Chaos seinen Lauf. Ich geh nur kurz raus zum Pissen – und als ich wiederkomme, stürmt der Pöbel gerade die Bühne. Robin hatte kurz vorher wohl darum gebeten, dass man hochkommen und ihn ohrfeigen solle. Auch zur aktuellen Tagespolitik hat er aufmunternde Worte parat: „Was soll ich denn machen, ey? Ich kann auch nur bei Edeka einkaufen.“ Irgendwann ist die Bühne mit Bierflaschen und herumliegenden Punkern übersät, die musikalische Darbietung wird zusehends abenteuerlicher. Finger und Extremitäten versagen langsam ihren Dienst. Grinsend quittiert Aron irgendwann den Dienst – „Ichkannnichmehr“. Nun wären die Krauses fast erlöst gewesen, doch da springt Andi Harkonnen auf die Bühne, übernimmt den Bass und es gibt noch eine barbarische Jam-Session, bis alle Instrumente durchgetauscht und alle im Koma sind.

 

Was für’n Abend. Zarc ist schon lange weg, Strecker pennt im Streckermobil, bis wir gegen 04.00 Uhr den Weg zu unseren Pennplätzen antreten. Dazu später mehr im Tagebucheintrag zum PUNKERHAUS-Auftritt…

Zurück