DIARY

Husum, Speicher - 28.02.2015

05.03.2015 von Philipp

Stein, Papier, Schere, Echse, Spock

Den heutigen Auftritt hatten wir uns eigentlich schon von der Backe geschmiert. Denn in der Nacht von Mittwoch zu Donnerstag war Zarc von einer fiesen Magen/Darm-Geschichte inkl. Fieber niedergestreckt worden. Schweren Herzens hatten wir den für Freitag anvisierten Auftritt in Braunschweig absagen müssen. Zarc selbst hatte allerdings die Hoffnung auf Husum nicht aufgeben wollen und hatte verkündet, er werde sich am Samstagmorgen melden, ob er wieder fit genug für die Bühne sei.

 

Warten am Samstag also. Als um halb eins immer noch keine SMS eingetrudelt ist, werde ich doch langsam nervös. Schließlich erreicht Eric seinen Bruder, der ganz überrascht ist: „Wenn es nicht geklappt hätte, hätte ich mich doch längst gemeldet!“ Argh…

 

VRHN

 

Herrliches Ambiente am Husumer Hafen: Dutzende von Straßenpunkern lümmeln auf dem Boden herum und lassen sich aus Kassettenrekordern beschallen. Der Speicher ist jetzt schon knüppelvoll, auf Schritt und Tritt treffen wir Bekannte. Aus Elmshorn sind gleich 60 Leute mit dem Bus angereist, wie mir Hagi vom SCHEISZE-FANZINE grinsend erzählt. KOLLMARLIBRE zocken auch bereits. Mit denen waren wir mal im schicken Elmshorner Punkerhaus. Damals fehlten wohl diverse Musiker, weswegen ihr SkaPunk etwas unvollständig und rumpelig rüberkam. Das wirkt heute dann doch gleich anders und der Mob tanzt ausgelassen, feiert auch die explizit politischen Texte.

 

Der Speicher hat zwei Ebenen, unten ist die Bühne und ein Tresen samt Küche, oben ein weiterer großer Raum zum Abhängen, Abmerchen und Abstürzen. Alles sehr liebevoll organisiert. Bei der Anzahl an Bands kann man natürlich nicht jeder einzelnen Combo unbegrenzt Bierkisten hinstellen, daher gibt’s Getränke- und Fressbons. Ich empfehle übrigens den Speicher-Burger – vegan und lecker.

 

Rasend schnell vergeht die Zeit zwischen Bands angucken, mit Leuten sabbeln, hochlatschen, runtergehen und selten-mal-an-einem-Fleck-verweilen. Mit am besten kommen die FRO-TEE SLIPS aus Flensburg an, die ich ewig nicht gesehen hab. Mit ihren Gute-Laune-Punk im Stil alter Hosen bringt man das Publikum zum Toben bis hin zu ‘ner Bühneninvasion.

 

Zarc sieht noch ganz schön scheiße aus und fühlt sich im Grunde auch so. Vladiistischer Dialog: „Ich fühl mich so aufgebläht“ – „Bist auch irgendwie dicker als sonst“. Aber lässt er sich wat anmerken? Hölle NEIN! Hemmungslos schreddert der Fucker los, sodass „Reign In Vlad“ nur so aus den Boxen poltert. Dafür unterläuft mir gleich bei diesem ersten Stück ein übles Malheur: Bei einem Sprung komme ich unglücklich auf einem Kabelwust auf und knicke um! Déjà-vu! Denn vor über zehn Jahren bin ich mal bei einem Gastauftritt ähnlich umgeknickt – und hatte mir ‘nen Bänderriss zugezogen. Die nächsten vier Stücke müssen unter rasenden Schmerzen im Knöchel absolviert werden. Schön, dass die Leute mir danach „voll die geile Show, Alter!“ attestieren. Scheint ja immer am besten zu sein, wenn ich mich verletzte. Vielleicht klingt das Gebrüll auch einfach authentischer? Beim fünften Stück spüre ich das herrliche Gefühl, wie der Schmerz langsam nachlässt. Ein Glück. Sieht schließlich auf Dauer bestimmt dämlich aus, dass ich nur auf einem Bein rumhüpfe. Um so cool wie Ian Anderson rüberzukommen, fehlt mir schließlich die verfickte Flöte. Natürlich würdigen wir nicht nur Zarcs Einsatz, sondern gedenken Leonard Nimoy. Erfreulicherweise beherrschen diverse Besucher_innen den Spock’schen Gruß, ich bekomm meine Wurstfinger jedenfalls nicht so virtuos auseinander. Live long and prosper! Klasse auch ein Neunjähriger, der mit seinem Vadder da ist und vorn auf einer der Monitorboxen abgeht, die ganze Zeit grinst und uns mit Daumen hoch Props gibt. Uns wird danach folgendes Zitat zugespielt: „"Mama, Rap ist doch scheiße, Hardcore is geil...“

 

VRHN

 

Rundum gelungener Abend also. Wir geben uns danach der Party und dem BUMS-Auftritt hin. Besten Dank an Stöllchen, die Speichergruppe Rettungsboot, alle beteiligten Bands und Besucher_innen. DER HAFEN ROCKT!

 

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