DIARY

Kiel, Alte Meierei – 29.10.2016

05.11.2016 von Philipp

ZEHN JAHRE VLADIMIR HARKONNEN

Morgens, so 12.00 Uhr am Samstag. Strecker und ich betreten mit Armen voller Holz beladen die Meierei (Auftrag von Herb, der Ofen soll schön befeuert werden), wundern uns, dass bereits vier nette Leute in der Halle und in der Küche werkeln. Da werden Kartoffeln geschält, Dinge zerhackt, in der Küche dampft und brodelt es. Ob das…? Kann das… schon für heute Abend sein? Nee, das sind bestimmt einfach Leute, die gern im Kollektiv kochen oder so. Ich sag lieber nix Doofes, pack mein Holz an den Ofen und hinterlasse ein vages „bis denn dann“.

 

Nach dem Einkauf für meine Schlafgäste RESTMENSCH geht es auch schon zurück zur Meierei, um Drinks in die Kühlschränke zu packen und die Bühne herzurichten. Und was soll mensch sagen? Die Kochcrew ist immer noch am Start! Als ich den Backstageraum betrete, trifft mich der Schlag: Quadratmeter voller liebevoll zubereiteter Fressalien! Der Esshimmel ist eröffnet. Obst, Gemüse, Tofu, Dips – alles da. Und dazu ein Piratenschiff mit einer Gallionsfigur, welche aus ‘ner Karotte geschnitzt wurde!

 

Nach und nach trudeln RESTMENSCH, EMILS und MØRDER ein – bis auf Anna T, welche sich noch Hunderte von Kilometern entfernt auffer Autobahn befindet, da sie gerade von einer Tour mit ihrer anderen Band KALK zurückreist. Tight geplant. Schön ist heute der Umstand, dass wir zu allen Bands des heutigen Abends ‘nen persönlichen Bezug haben, denn die EMILS kennen wir seit den Achtzigern, mit RESTMENSCH haben wir schon mehrfach gezockt (außerdem ist TR ein alter Rendsburger) und MØRDER sind na klar Kieler Froind*innen. Gut gerade für eher soziophobe Typen wie Zarc, hehe.

 

VRHN

 

Anna Harder bringt die Plattenspieler aus dem Subrosa mit, welche wir netterweise für unser DJ-Set geliehen bekommen. Und den Vogel ballern die Freaks von Toanol Records ab, haben sie nicht nur einen Geburtstagskuchen gebacken, sondern auch noch Vladi-Plastikbecker anfertigen lassen. Auf der einen Seite ist unser Bandlogo druff, auf der anderen eine abgewandelte Version der Figur von „Into Dreadnought Fever“ mit einem „10 Years Of Pure Vladiism“-Schild aufm Buckel. Der Knaller dabei: Covergestalter Fritte hat diese Version des Männchens extra, quasi en passant, nochmal gezeichnet bzw. überarbeitet. Andreas: „Ich hatte den s/w Entwurf von ihm für die Blaue Scheibe reduziert und ihn gefragt, ob wir das so verwenden können. Da meinte er, dass das klar ginge und gab Tipps, wie es besser aussähe. Dann kam auf einmal von ihm ‘das Männchen bekomme ich sicher noch zwischen geschoben‘, schickte das Motiv dann nächsten Tag und meinte, dass wir das gern verwenden können.“ Inzwischen sind auch alle Soundchecks gemacht, Bocky hat das Pult im Griff. Die Cocktails werden na klar in den Vladi-Bechern serviert und auf zwei Bühnensegmenten steht Merch von FIRE & FLAMES, TOANOL und allen Bands. Und irgendwie trudelt die MØRDER-Sängerin doch noch gerade rechtzeitig ein. Doch bevor MØRDER loslegen, gibt es NOCH MEHR Geschenke - die Vladi-Ultras Stefan, Jannina und Dierk haben für uns T-Shirts gemacht, die exquisit sitzen und ebenfalls ‘nen Zehn-Jahre-Slogan featuren. Gierig!

 

MØRDER hauen ein fettes Brett raus, die Anlage wird ordentlich ausgelastet. Irgendwer fragt Bocky, ob er immer so eine Lautstärke fahre. Bocky: „Habe gerade gemessen. Sind meine üblichen 104 Dezibel.“ Genau richtig. Langsam freue ich mich auf die MØRDER-Aufnahmen, welche lediglich noch der Abmischung harren. Die Band ist deutlich abwechslungsreicher geworden, finde ich. Natürlich ballert es nahezu durchgehend, aber keinesfalls auf stumpfe Art und Weise. Also, eine gewisse Stumpfheit gehört natürlich zum Wesen von Crust dazu, schon klar. Aber Christian liefert die D-Beats mit Klasse, Pete streut unheilvolle Melodien ein, Anna wechselt zwischen Brüllen, Grunzen und Kreischen und Andi wechselt immerhin zwischen VLADI und MØRDER, (wobei er übrigens jeweils eine sehr unterschiedliche Zocktechnik nutzt, achtet mal drauf).

 

Gifts

 

Zu krass, wer alles so eintrudelt. Eine echte Überraschung gelingt z.B. Kai und Meyer 77 aus Düsseldorf (AK 47), einem Mob aus Braunschweig und ansonsten lass ich das lieber mit den Namen – wir freuen uns über alle!

 

RESTMENSCH haben dieses geil hektische Element in ihrer Musik, welches auch schon bei NEUE KATATROPHEN vorhanden war. Und ich steh auf Alex‘ Stimme, mit welcher er uns die krassen Texte mitten ins Gesicht rotzt. Die sollte mensch sich wirklich mal durchlesen, das ist harter Tobak. Man nehme z.B. „Die Rampe“:


Wut, die dich zum Weinen bringt
Angst, die dir den Atem nimmt
das Tor zu einer andren Welt
Asche, die vom Himmel fällt

Selektion an der Rampe

Hass. der dich beim Namen nennt
Stigma, das wie Feuer brennt
Züge rollen Tag und Nacht
transportieren die Todesfracht
Grenzenloser Hass

Braune Tracht und fette Wampe
Selektion an der Rampe
Deutsche Macht und fette Wampe
Selektion an der Rampe

Herraus herraus
zum nationalen Holocaust“

 

Da schreit Mayer 77 neben mir irgendwann urplötzlich, wie geil das sei und zeigt mir die Gänsehaut, die seinen Arm langsam in Beschlag nimmt. Geil!

 

Die EMILS überlegen, wann sie zum ersten Mal in der Meierei gespielt haben und einigen sich darauf, dass das vor 30 Jahren gewesen sein soll. Auch nicht schlecht. Für mich warense in den Achtzigern und frühen Neunzigern eine der besten Livebands überhaupt, also nicht nur irgendwie „aus Hamburg“ oder sonstwie lokal begrenzt. Und verlernt haben sie… nichts! Die Setlist umfasst Highlights wie „Viel zu langsam“, „Gerechtigkeit“, „Wer frisst wen?“, „Kirche Nein“, „Pass dich an“, „Abrechnung“ oder „Dummpunk“. Die brettern mit der typischen spielerischen EMILS-Finesse über uns weg und machen viele Besucher*innen glücklich. Ille ist ein charismatischer Bühnentyp, der kaum mal stillsteht und mit launigen Ansagen unterhält: „Ihr meint, vegetarische Ernährung sei automatisch gesund? Ich lebe seit zwanzig Jahren vegetarisch und guckt nur und seht nur, was aus mir geworden ist!“ (Wie er auf das Thema gekommen ist, weiß ich allerdings auch nicht mehr, haha.). Rundum gelungen! Nur hat Ille die Singles mit den Aufnahmen vom ersten Demo zu Hause vergessen. Aber sein Pech – nun muss er uns die Dinger per Post schicken…

 

VRHNVRHN

 

Hach, schon soll gezockt werden und ich habe das Gefühl, mit keinem und keiner ausreichend gesabbelt zu haben. So ist das wohl immer, wenn man selber feiert. Und eine Feier wird’s! Ich trete irgendwann schön ins Leere zwischen zwei Bühnenelementen und lege einen amtlichen Adler hin, den Horst Spider herrlich auf einem seiner Videos einfängt. Das Publikum ist für die bereits vierte Band erstaunlich vital. Aber wir haben ja auch Maddie als heimlichen Claqueur und Animateur, der alle gekonnt mitreißt und zu Höchstleistungen antreibt. Und bezahlt wird er dafür von uns lediglich mit Bier. Das SLIME-Cover „Schweineherbst“ ist mittlerweile richtig im Blut – musste ich mich bei den ersten Auftritten bei diesem Song doch sehr konzentrieren, flutscht er jetzt wie auf Autopilot. Den größten Spaß hab ich wohl beim erstmals live gespielten neuen Song „Anomie“, ein schneller Hardcorereißer mit Twin-Gitarren-Mittelteil. Das Ding bleibt danach als Ohrwurm in meiner Birne. Gutes Zeichen, das Projekt „GIFTGRÜNES ALBUM“ hat bereits begonnen! Was soll man sagen? Es geht viel zu schnell vorbei, aber wir widerstehen der Versuchung, Zugaben zu geben.

 

Schließlich kommt gleich danach das DJ-Set! FASTER-HARDER-WOLTER! Anna beginnt, während ich mich kurz umziehe und etwas runterdampfe. Natürlich geht der allergrößte Teil der Besucher*innen jetzt, aber das war uns im Vorfeld klar – vier Bands sind schließlich kein Pappenstil. Ein harter Kern bleibt und lässt sich zum Tanzen animieren. Bzw. zum Headbangen und Pogen. Obwohl es nun wirklich ausreichend Platz gibt, schafft es ein Typ, immer wieder in unser DJ-Pult zu kesseln… Aber es macht Laune. Es gibt Punkrock- und Metalklassiker von POISON IDEA über METAL CHURCH bis hin zu ACCEPT auffe Ohren. Am meisten Nasen locken aber interessanterweise CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL auf die Tanzfläche. Uns bockt dat so an, dass wir noch auflegen, bis wirklich der/die letzte gegangen ist. Irgendwann muss Schluss sein, schließlich gilt es morgen noch, RESTMENSCH zu befrühstücken und die Meierei aufzuräumen.

 

VLADI SAGT DANKE AN ALLE! Wer’s verpasst hat, kommt halt zu ZWANZIG JAHRE VLADIMIR HARKONNEN am 29.10.2026.

 

VRHN

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