DIARY

Rendsburg, T-Stube – 04.03.2016

08.03.2016 von Philipp

THRASH 'N' HASH

Zum vierten Mal touren unsere israelischen Freunde von BLACK SACHBAK nun bereits durch Europa bzw. Deutschland. Auf ihrer zweiten Tour haben wir zusammen mit ihnen im Hamburger Bambi Galore gespielt und auf den ersten Blick gewusst: Das ist nicht nur was für eine Nacht, da ist mehr.

 

Und es wurde mehr. Zum Beispiel das Album „No Pay No Gain“ auf Vinyl, releast vom umtriebigen Kieler Label Janml Records. Und weitere Konzerte auf der nächsten Tour, Kiel & Rotenburg, die gleich noch zerstörerischer verliefen. Für die diesjährige Tour konnten wir wieder zwei Biester an Land zerren, der heutige Auftritt in Rendsburg und für den Folgetag schön was in Verden, gierigerweise alles zusammen mit KILLBITE. Leider merke ich erst spät, dass an diesem Wochenende auch das HELL OVER HAMMABURG-Festival stattfindet. So sind wir gespannt, ob überhaupt wer kommen mag...

 

Thrash

 

Eine unerwartete Hürde stellen zunächst die Pennplätze dar. Nur die Zölck-Brothers wohnen in der Nähe, bei beiden geht es aber nicht. Wir müssen feststellen, dass es in Rendsburg im Gegensatz zu früher einfach keine Punker-WGs mehr gibt (die man kennt)! Aber Rettung kommt in Form einer Erlaubnis, in den Räumlichkeiten der Pfadfinder zu schlafen, welche sich direkt hinter der T unter demselben Dach befinden. Das ist nicht so selbstverständlich und eine absolute Ausnahme. Der Grund: Die Pfadfindermenschen dürfen irgendwie keinerlei Kontakt zu politischen oder explizit linksextremistischen Gruppierungen pflegen und als solche wird die T-Stubenkonzertgruppe offenbar gesehen (man weiß ja: Drei leere Flaschen Wein können schnell drei Mollis sein). Aber toll, dass das klappt.

 

Großes Hallo natürlich, als alle drei Bands, T-Stuben-Crew und sonstige Helfer*innen kurz nacheinander eintrudeln. Soundcheck und Aufbau sind schnell geschissen, es darf gefuttert, getrunken und Unsinn geredet werden. Eliran, Dor, Yuval und Noam sind noch ganz geflasht von Russland, wo es wohl tolle Konzerte, aber wenig zu essen und schon mal gar kein weed gab. Und Gras ist nun mal das Hauptnahrungsmittel von BLACK SACHBAK. Heute soll alles besser werden und die Sachbaks stellen einen Pott auf, in welchen Besucher*innen ihre Weed-Spende werfen sollen. Doch Rendsburger*innen haben offenbar mehr mit Russ*innen gemeinsam, als mensch denkt: Der Mexikaner wird in wenigen Stunden komplett weggezecht, die Biervorräte schrumpfen in Lichtgeschwindigkeit – aber besagter Pott bleibt leer.

 

Dafür füllt sich die T-Stube mit tollen Menschen. Mit so viel Besucher*innen hätten wir echt nicht gerechnet, es kommen mehr als bei unseren letzten beiden Gastspielen inner T! Punks, Kuttenträger und Skinheads verschmelzen zu einem feierwütigen Mob, der gleich zum Auftakt bei KILLBITE steilgeht. Da siehste glatt Leute, die sich beim Pogen und Bangen so 80er-Stylo-mäßig umarmen. Und angenehm viele abgerissene Mercedessterne hängen an ungewaschenen Hälsen, haha. Die Bremer Crustpunker haben sich aber auch super weiterentwickelt! Ich fand sie früher schon gut, aber noch nicht so eigenständig und abwechslungsreich wie mittlerweile. Durch groovige Parts gewinnt das Songwriting enorm an Gesicht. Und sie lassen sich nicht lumpen und zocken deutlich länger als bei früheren Shows. Amtlicher Walzomat.

 

Protest

 

Die kurze Sporthose sitzt – wer könnte sie besser tragen als Gewichtheber Eliran? Auch BLACK SACHBAK zeigen sich deutlich gesteigert. Neu an Bord ist Basser Yuval, dessen Sound und Spielweise super zur Band passt, denn er klingt old schooliger und knackiger als der frühere, sehr verzerrte Knarzsound. Neben den eigenen Songs (Kult: „Haircut I Never Got“) covern die Hunde doch glatt „True Survivor“. Höllisch. Erwähnt werden muss auch Dors Gitarrenspiel, was mich irgendwie an VOIVODs Piggy erinnert. Wieder mal ein klasse Gig.

 

Es entspinnt sich ein Auftritt, bei dem echt mal fast alles stimmt. Auf hohem Niveau gemeckert, könnte ich rumjammern, dass ich mich auf der Bühne kaum höre. Aber niemand mag Jammerlappen. Und zum Ausgleich gibt es schließlich so viele schöne Dinge. Zum Beispiel die Interaktion zwischen Band und Mob: Ich wage einen Bodenroller und plötzlich beginnen feiste Kuttenwämser auf mich draufzuspringen. Was liegt auch näher? Hossa, ich spüre einen ganzen Haufen Liebe auf meinen schmalen Schultern. Zeugen beschwören später, dass auch Andi sich noch bassspielenderweise auf den Berg geworfen habe, was ich aber erst im Nachhinein erfahre. Wir spielen heute ein Set in Springsteen-Länge. Ganze 17 Songs. Eigentlich sind einige der Stücke auf der Liste nur potenzielle Vorschläge, aber wenn man Bock hat, hat man Bock. Alex Killbite zitiert eine unserer Ansagen später wie folgt: „Alles geiert nach der Disco im Anschluss eines Konzerts. Womöglich hat danach auch noch der Penny in der Stadt auf, so früh muss alles beendet sein - ich find das scheiße! Ein Konzert sollte DER Hauptgrund eines gelungenen Abends sein!" Ansonsten müssen wir die besondere Aura des Rendsburger Publikums loben – woran es liegt, weiß irgendwie keine_r (das Trinkwasser? Pimmel-Malte?), aber hier ist es nun mal einfach ein ganzes Stück weit asozialer als woanders. Ach ja, schön auch, dass unser Ex-Gitarrist Nils heute dabei ist.

 

Die Party danach tobt bis in den frühen Morgen, wobei die Musikauswahl manchmal hart an der Grenze des Erträglichen ausfällt. Bei den Pfadfindern verläuft alles friedlich. Ich bin jedenfalls sicher, dass das Loch in der Wand vorher schon dort war.

 

Morgen: Verden. TBC…

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